Handarbeit. Ein Thema, viele Gesichter und unendliche Möglichkeiten.

Würde man in eine Facebookgruppe die Frage aufwerfen, welche Bedeutung Handarbeit im Leben der einzelnen Mitglieder hat, würden die Antworten recht ähnlich ausfallen:

  • Ich kann meiner Kreativität Luft zum Atmen geben und die Stücke individuell meinem Körper anpassen
  • Ich kann vollkommen entspannen, während ich meditativ stricke.

Doch was ist, wenn ich eine Abkürzung nehmen möchte oder sogar muss? Wenn ich weder Gefallen am kreativen Prozess habe, noch dabei entspannen kann? Muss ich mit Freude 12 Stunden an einem Paar Socken stricken oder darf ich es auch langweilig finden? Finden wir es heraus!

#rosebud – Wo Cheaten beginnt

Die Frage, wo genau „Betrug“ beginnt, ist so individuell, wie die Gesellschaft. Für den Einen beginnt cheaten erst mit der Nutzung von Strickmaschinen, für den Anderen wird die Grenze bereits bei fremden Häkelanleitungen gezogen. Wieder Andere spinnen ihr Garn selbst und können nicht nachvollziehen, warum die Grundlage der Handarbeit industriell hergestellt werden sollte. Die Diskussionen sind nicht neu und wenn ich bedenke, wie viele Thermomix-Besitzerinnen mir leise zuflüsterten, dass sie zwar einen besitzen, aber trotzdem kochen können, ist sie auch nicht nur auf den Bereich der Handarbeit beschränkt. Wir lieben es einfach, andere Leute arbeiten zu sehen und verzeihen oft keine Abkürzungen. Wenn ICH 100 Runden per Hand stricke, musst du es auch.

MEINE ganz persönliche Grenze ist absolut großzügig gesetzt und spiegelt wahrscheinlich nur den kleinsten Teil der Lesermeinungen wieder. Für mich ist es beispielsweise noch immer Handarbeit, wenn jemand mit einer Strickmaschine seine Socken strickt – jetzt habe ich es gesagt. Warum? Ganz einfach! Handarbeit beginnt für mich dort, wo ich selbst Hand anlege, Arbeit und Zeit investiere und Materialien in ein fertiges Produkt verwandle. Diese Einstellung ist für mich nur die logische Konsequenz aus der Tatsache heraus, dass ich auch dann „Haushalt mache“, wenn ich die Wäsche nicht mit einem Waschbrett am Rhein, sondern mit der Waschmaschine wasche oder den Herd für meinen Tee nutze und nicht erst Feuerholz suchen muss.

Der Konflikt

Auch wenn ich selbst einen sehr pragmatischen Ansatz habe und meine Grenzen sehr dehnbar sind, kann ich andere, deutlich härtere Meinungen grundsätzlich verstehen. Handarbeit steht für Meditation, Entspannung und Ruhe. Sie ist viel mehr als nur das reine Endprodukt. Sie steht für den Prozess, den wir durchleben, bis wir die fertigen Socken an unseren Füßen tragen.

Wer an diesen Grundfesten der nahezu spirituellen Bedeutung rüttelt, gilt für viele schon fast als Ketzer, der entweder die wahre Bedeutung nicht verstanden hat oder eben nur ein Betrüger ist. Das liest sich drastisch? Dann hast du offenbar noch nie eine Facebook-Diskussion unter einem Beitrag mit Strickmaschine gesehen. Kaum hat jemand eine Abkürzung genommen – aus welchen Gründen auch immer – wird der Person die Eigenleistung komplett abgesprochen.

Die Frage ist daher, ob es überhaupt erlaubt sein darf, eine Abkürzung in der Welt der Handarbeit zu nutzen und wenn ja, unter welchen Umständen? In einer Welt, voller Meditation und Ruhe, wie laut darf eine Strickmaschine sein? Muss ich WIRKLICH die 1m lange Kordel mit der Strickliesel häkeln oder darf ich nicht doch die Kordel-Kurbel nutzen?

Am Ende stehen sich Pragmatismus und der spirituelle Weg gegenüber und zugegeben, diese beiden zu vereinbaren ist nicht immer leicht.

Und wie ist es mit folgenden Beispielen:

  • Ist es noch Handarbeit, wenn ich einen Pullover stricke, aber die o.g. Kurbel nutze, um einen Häkelkordel für z.B. das Bündchen zu fertigen?
  • Ist es noch Handarbeit, wenn ich eine körperliche Beeinträchtigung habe und Stricksocken mit der Strickmaschine fertige, aber dabei immerhin die Ferse und das Bündchen, sowie die Spitze selbst stricke?
  • Ist es noch Handarbeit, wenn mir der heilige Prozess der Handarbeit komplett egal ist, ich aber z.B. Lipödem, Diabetis etc. habe und mir selbst Kleidung anfertige, dafür aber Hilfsmittel nutze, die den Prozess abkürzen?
  • Ist es noch Handarbeit, wenn ich pflegende Angehörige bin oder durch die Elterneigenschaft nicht so viel Zeit besitze, wie Andere? Ist es dann verwerflich, eine Abkürzung zu nehmen?

Wie bei vielen Themen, ist auch die Handarbeit nicht in schwarz oder weiß unterteilt. Sie ist bunt und vielfältig, so wie unsere unterschiedlichen Realitäten. Das Label Handarbeit ist unterschiedlich definierbar und wenn es wirklich nur dann wahre Handarbeit ist, wenn der meditative Prozess der wahre Zauber ist, darf man auch die Frage aufwerfen, wie es mit den Personen aussieht, die wie im Marathon pro Woche 4 fertige Sockenpaare vollenden. Rein unter den Gesichtspunkten „Ruhe und Entspannung“ könnte auch Marathon-Stricken als eher fragwürdig betrachtet werden.

Darf mir der Prozess egal sein?

Im Grunde geht es immer wieder u.a. um die selbe Frage: MUSS mir Handarbeit Spaß machen oder DARF ich einfach nur Gefallen am Ergebnis haben? Ich bin ehrlich, mir bereitet der Weg Freude, noch mehr allerdings das Ergebnis. Das beste Beispiel hierfür ist mein Kolding-Nicht-Projekt. Das Garn liegt bereits seit zwei Jahren bereit, ich hätte ihn gerne längst getragen, habe aber absolut keine Lust auf die Arbeit. Hätte ich die Möglichkeit, einen Teil der Arbeit zu vereinfachen, würde ich es tun und gleichzeitig würde es deine Leistung nicht schmälern.

Ich liebe es, mich durch Berge an Strick- und Häkelanleitungen zu wühlen, das passende Garn auszusuchen, den Anschlag des Bündchens, die ersten 5 dutzend Runden zu frickeln. Ich liebe es, dem Projekt beim Wachsen zu zuschauen, aber Fakt ist auch: Ich verliere oft auch die Lust daran und quäle mich zum Ende hin. Und obwohl ich so denke, schreibe ich es viel zu selten, da jeder von einem erwartet, dass Handarbeitsprojekte vom Maschenanschlag bis zum Abketten ein Quell der Freude sein müssen. Es wird nur allzu oft verächtlich die Nase gerümpft, da doch gerade der Weg das Beste daran sein soll und – obwohl ich anderer Meinung bin – kann ich diese Ansicht verstehen und halte mich daher mit meiner meist zurück.

Allerdings glaube ich, dass wir durchaus häufiger darüber sprechen sollten, wie unfassbar nervig Handarbeit sein kann, denn die Beweise stehen für sich: Wir alle haben UFOs, Projekte, die nach Vollendung schreien, auf die wir aber absolut keine Lust mehr haben und ich seh die Zahlen unter diesen Blogbeiträgen, es geht nicht nur mir so 😉

Schal fürs Leben 2025

In diesem Jahr stand ich vor einer Entscheidung: Der neue Schal fürs Leben wurde vorgestellt und die Farben schrien laut und deutlich meinen Namen! Ich wollte ihn, nein, ich musste ihn haben! Mir war jedoch von Sekunde eins an klar, dass ich weder Zeit noch Lust auf die Arbeit hatte. Ich hätte ihn irgendwo zwischen Haushalt, der Produktion der DIY-Weihnachtsgeschenke und Arbeit reinquetschen müssen und hätte mir damit die Vorweihnachtszeit künstlich stressiger gestaltet, als es hätte sein müssen.

Ich tingelte also 2 Wochen um das Garnpaket herum und überlegte, ob und wie ich an diesen Schal rankomme. Die Möglichkeit den fertigen Schal einfach zu kaufen, verwarf ich direkt – sowas macht man nicht! … oder?

Von Tag zu Tag wuchs der Gedanke, dass genau das vielleicht in diesem Jahr die Lösung sein könnte und irgendwann traf ich die Entscheidung, dass Handarbeit auch mal faul sein darf! Kurzer Hand kaufte ich den fertigen Schal und hielt nach 2 Tagen lediglich das Endprodukt in meinen Händen. Gezaubert aus flauschiger Wolle, in einem schönen, ruhigen Muster, passend zu meiner Winterjacke und vor allem: Für den guten Zweck.

Nein, auch wenn meine Grenze der „Definition der Handarbeit“ weit gefasst ist, ist auch hier meine eindeutig erreicht. Das fertige Produkt zu kaufen hat wirklich nichts mehr mit Handarbeit zu tun und auch das Auswaschen ändert daran nichts. Beim Auspacken erinnerte ich mich jedoch daran, dass ich dieses Thema schon viel zu lange als Blogbeitrag behandeln wollte und da sind wir: Mit einem Fertigprodukt, dass trotzdem (von jemand Anderem) in Handarbeit gefertigt wurde und einem Blogbeitrag, der immerhin per Hand getippt wurde 😀

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