Ach du Strick!

Das Lied vom Bahnfahren und Stricken

Prolog

Genau vor einem Jahr war es so weit, mein Jobwechsel stand an. Neben all den üblichen romantisierenden Vorstellungen stand eine ganz besonders im Vordergrund: Wie viel kann ich stricken oder häkeln, wenn ich pendle?

Mein Wechsel verschlug mich von Düsseldorf nach Köln und verdoppelte somit meinen Arbeitsweg. Täglich 2x 30 Minuten in der Regionalbahn waren zwar nicht der Grund zu wechseln, aber ich liebe Bahnfahren und würde das Beste daraus machen. Ich stellte mir vor, wie ich entspannt meine Nadeln zücken und drauf los wüten würde. Im Sommer bei strahlendem Sonnenschein, grünen Feldern und blauem Himmel, im Winter bei Schnee und funkelndem Eis – soweit das Auge reicht. Vielleicht würde sich sogar jemand anderes finden, der mit mir strickt? Ein mobiler Strick-Club, bei dem man gut gelaunt lacht, sich über die Arbeit ärgert und dann entspannt in den Feierabend geht? Vielleicht mit Selbstgebackenem? Ja… An der Stelle wirst du wahrscheinlich erkennen, dass ich zu oft Harry Potter gesehen und ein wenig zu sehr im Hogwarts-Express, statt in der Deutschen Bahn gesessen habe. Aber keine Sorge: Die Realität hat mich schnell eingeholt.

Zuerst möchte ich klarstellen, dass mir die Probleme der Deutschen Bahn durchaus bewusst waren und ich schon früher unter diversen Zügen gelitten habe. Eine frühere Arbeitsstelle konnte ich am besten mit der S11 erreichen, die im 20-Minuten-Takt kam, sich ständig verspätete, ausfiel, mich auf der Strecke rauswarf und stehen lies. Ab und zu verfuhr sie sich und es kam die Durchsage, dass wir gerade nach Grafenberg, statt zum Flughafen fahren. Immer, wenn ich davon erzählte, glaubte mir mein Umfeld nicht so recht und dachte, ich würde übertreiben. Seit einigen Jahren weiß nun jeder in Deutschland, dass das Schienennetz marode ist, nur wenig digital läuft und das System „Bahn“ schon gar nicht mit Wetter klarkommt. Ich war also auf das Schlimmste vorbereitet und weigerte mich mehrere Jahre mein bekanntes Ghetto zu verlassen, bis …

Das Vorspiel

In einer Zeit, in der ich auf Jobsuche war, kamen zwei ehemaligen Arbeitskolleginnen auf mich zu und versuchten erneut, mich nach Köln zu holen und legten die üblichen Süßigkeiten aus, um mich doch noch ins Knusperhäuschen locken zu können. Schokolade, Lakritz und Bonbons lies ich liegen, aber eine Süßigkeit stach mir ins Auge: Vier Tage Homeoffice nach 6 Monaten Einarbeitungszeit. Puh… fast hatten sie mich, aber meine Religion ist die Skepsis.

Mein Partner bekam die Lockversuche mit und war letztendlich der ausschlaggebende Punkt, mich aktiv um die Stelle zu bemühen. Er kenne sich aus und wüsste, dass DIE Strecke wirklich kein Thema sei. Ich hätte misstrauisch sein sollen, aber nach mehreren Tagen Hobelns und Sägens schickte ich die Bewerbung ab. Ich vertraute ihm, der Bahn, den Plakaten bzgl. des ausgebauten Bahnhofes und hörte nicht auf mein Bauchgefühl. Dem Bauchgefühl, dass leise in mein Ohr flüsterte: glaube ihnen nicht.

Der Zeitpunkt des Wechsels kam näher und ich überlegte mir welche Strick-Projekte ich auf die Fahrt mitnehmen wollen würde. Diese Projekte mussten einfach, ohne viel Zählmuster und nicht zu groß sein. Ich stellte mir vor, wie unfassbar viele Stricksocken ich in dieser zusätzlichen Zeit zaubern könnte. Ohne Alternative (z.B. Computerspiele) würde ich zwangsläufig mehr geschafft bekommen und nur durch die Fahrten errechnete ich mir in den 6 Monaten 8-10 zusätzliche Sockenpaare. Vielleicht könnte ich sogar am Blog arbeiten? Mein Herzensprojekt, was doch so unter Vollzeit-Job leidet? Es gab einen Zeitpunkt, an dem ich mich fast mehr aufs Pendeln, als auf den Job freute. Oh, sweet Summer-Child. Erinnerst du dich an die Frau, die einen Verspätungs-Schal strickte und diesen versteigerte? Ich fand die Idee genial, kreativ und dachte scherzend darüber nach, ob ich solch ein Projekt auch nebenbei stricken sollte. Das Lachen verging mir schneller als ich dachte.

Die Realität

Vorab: Dieser Beitrag steht schon länger auf meiner Pergamentrolle der 1.001 Blogbeiträge und ursprünglich hatte ich vor, dafür schöne „Zug-Fotos“ zu knipsen. Ich fand es dann allerdings doch realistischer meine Instagram-Stories zu durchsuchen und stattdessen diese zu verwenden. Sie sind aus dem Bauch heraus, nicht gestellt und wirklich nur ein winziger Ausschnitt einer Reise durch NRW und meine Nervenlandschaft.


Ich war so aufgeregt! Meine Lust und meine Laune tolle Projekte zu frickeln war gewaltig groß! Als erstes Projekt nahm ich meinen grauen Strickpullover aus meiner geliebten Puno Due (Werbung) mit, der bereits nach kurzer Zeit einen SOS-Post auf Instagram wurde. Obwohl er leicht zu stricken war, ich weder zählen noch irgendwo aufpassen musste, war er zu unhandlich. Meine „Reisetasche“ war relativ groß, da Getränke, Essen und mein Strickzeug Platz finden mussten und die Winterjacke rundete die Unhandlichkeit ab. Hatte ich mich gerade sortiert, kam ein Schaffner und wollte mein Ticket sehen, vielleicht kennst du das Gewühle – es war nervig. Schnell reifte der Plan, dass es nur noch kleinere Projekte (Stricksocken) sein dürfen.

In der zweiten Woche machte zwar mein Rheinbahn-Bus Probleme, weswegen ich die 15 Minuten morgens und nachmittags auch ein Jahr später nur noch zu Fuß gehe, aber auch dem konnte ich etwas Positives abgewinnen: Ein bisschen Bewegung. Ich sitze ja schließlich zu viel. Außerdem sind es ja nur sechs Monate, die ich durchhalten müsse. Was ist das schon?
Während mein Kopf zu diesem Zeitpunkt weiterhin versuchte allem etwas Positives abzugewinnen, schlug die Realität ab Woche 3 ein, wie eine Granate.




Ich könnte sicherlich 100 Stories in diesem Blogbeitrag verwursten und erinnere mich noch lebhaft an viele dieser grausigen Situationen. Neben der Tatsachen, dass mein Zug permanent ausfiel, offensichtlich hunderte Menschen/Kühe und Pferde auf den Gleisen spazieren gehen, Stellwerke nur mit Glück besetzt sind, Personal nicht pünktlich ankommt, ein ICE Vorfahrt hat, der Kölner Hauptbahnhof Züge auf den Gleisen vergisst (?!), Züge falsch in der App angezeigt werden, war mit das größte Strickproblem, dass ich ständig rausgeworfen wurde. Wer strickt weiß wie schlecht man „mal eben“ alles in die Tasche stopfen und sich sortieren kann. Es hat mich so manch eine Masche gekostet.

Mein Zug hat eigentlich nur zwei Haltestellen, die ich unbeschadet überstehen muss: Dormagen und Neuss. Es kam viel zu oft vor (und in manchen Wochen täglich), dass mein Zug in Neuss hielt und erst dort mitteilte, dass er ab jetzt eine Umleitung über Krefeld oder Duisburg fahre. In Dormagen musste mein Partner mich abholen, da der komplette Bahnverkehr über mehrere Stunden einbrach. Ich stand in Neuss Norf und durfte nicht aussteigen, da es keine offizielle Haltestelle meines Zuges war. Über 2 Stunden. Ohne Essen, ohne Trinken. Vor mir hörte jemand ein Foodball-Spiel, eine alte Dame war davon genervt und antwortete mit dem dauerhaften Drücken ihrer Plastikflasche, ein Mann hinter mir übergab sich im Gang und neben mir aß eine Frau stark riechendes Essen. Ich flüchtete in das obere Deck, aber ich war wirklich am Ende meiner Nerven.

Jede Fahrt wurde zum russischen Roulette. Nehme ich meinen Zug? Nehme ich direkt einen anderen? Stimmt die Anzeige in den Apps? Kann ich heute stricken oder lasse ich die Sachen eingepackt? Meine zuvor verschmähte S11 wurde oft mein Retter in letzter Sekunde. Zwar hält sie an jedem Briefkasten, aber immerhin kam sie -teilweise – an. Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich die Stricksachen auch zuhause lassen kann, da ich während der Fahrten einfach zu gestresst war. Ständig – wirklich STÄNDIG – erfuhr ich erst zur Ankunftszeit meines Zuges, dass dieser ausfällt und ich spontan einen Umweg über den Neusser oder den Düsseldorfer Hauptbahnhof machen müsse, um ans Ziel zu kommen. Wenn ich diesen ungeplanten Umweg hinter mir hatte, pausenlos auf die App starrte, welche Verbindung gerade klappt und welche Alternativen vielleicht doch keine sind (teilweise 3 Möglichkeiten gleichzeitig im Blick), war ich zu müde um meinen geliebten Handarbeiten nachzugehen. Schlichtweg zu zermürbt. Mein Wecker klingelte irgendwann um 4 Uhr, da dort die Verspätungsrate etwas geringer war und das tut er bis heute. Außerdem fahre ich nicht ins Büro, wenn mein Partner nicht in „greifbarer Nähe“ ist, um mich aufsammeln zu können. Es war einfach zu oft der Fall. Gebranntes Kind scheut das Feuer, gestrandete Bahnfahrerin ist ungern alternativlos.

In diesem Jahr war ich in der ersten Januarwoche 2 Tage im Büro und beide Male war ich kurz davor, mir ein Hotel zu nehmen. Es fuhr nichts mehr und auch meine Alternativ-Routen waren gesperrt. Nur meinem sturen: „Ich kann in 2 Stunden immer noch ein Hotel nehmen, ich bleib sitzen *WutSmilie*“ war es zu verdanken, dass ich nach Hause kam. Ich bin mittlerweile sogar auf den Hotel-Fall vorbereitet und habe immer frische Unterwäsche und Socken in meinem Rucksack. Mein Partner, der mir die ersten Monate attestierte, ich sei nur etwas zu unbelastbar fürs Pendeln, ist mittlerweile verstummt. Sie alle sind verstummt und machen keine Scherze mehr.

Gerade NRW, die Strecke zwischen zwei Großstädten, ist unfassbar schlecht ausgebaut. Stellenweise gibt es ein Nadelöhr, dass den kompletten Zugverkehr lahmlegt, wenn dort ein Problem auftritt. Es gab Tage, an denen Düsseldorf und Köln voneinander abgeschnitten waren und ich zurück ins Homeoffice musste, da an dem Vormittag vorerst nichts mehr lief. Von den Streiks im vergangenen Jahr spreche ich gar nicht erst. Mittlerweile bin ich schon am Tag vorher gestresst, wenn ich am Folgetag ins Büro muss. Leider, da ich gerne öfter als nur 1x in der Woche ins Büro möchte. Aber immer, wenn ich das versucht habe, habe ich es bitter bereut. Es kam nicht selten vor, dass ich 2-3x so lang unterwegs war, als vorgesehen.

Wie viele Sockenpaare ich von den 8-10 avisierten geschafft habe? Genau ein Paar. Wird es mehr werden? Wohl kaum. Ich habe das Zug-Stricken für mich in soweit aufgegeben, dass ich zwar immer was dabei habe (für den Fall irgendwo 1 Stunde liegen zu bleiben oder doch ins Hotel zu müssen), aber für die eigentliche Fahrt plane ich es nicht ein. Zu oft habe ich es versucht, habe dann Fehler gemacht, Maschen verloren oder einfach keinen Spaß beim Stricken gehabt, als das ich es jetzt als ernsthafte Beschäftigung in Betracht ziehe. Es ist nur noch ein Nice-to-Have für den Ernstfall.

Außerdem habe ich keine Strick-Community gefunden – vorhersehbar, aber doch etwas traurig. Genau 2x habe ich Personen gesehen, die gestrickt haben und musste leider am Gleis an ihnen vorbei gehen. Auch hier war der Gedanke wohl etwas zu romantisierend und ich war zu gefangen in meiner Handarbeits-Bubble. Ich dachte wirklich, es würden mehr Frickler in den Zügen oder am HBF stricken. Vielleicht geht es aber auch vielen wie mir und sie haben ihr Strickzeug dabei, nur eben in der Tasche.

Am Ende möchte ich allerdings betonen, dass es – sofern die Verbindung klappt – wirklich eine tolle Möglichkeit ist, seine Zeit zu vertreiben. Es kam leider viel zu selten vor, aber WENN ich stricken konnte, war es herrlich! Der schönste Tag war in diesem Jahr, als der Schnee lag, die Welt hell, freundlich und klar erschien, alle pünktlich Züge kamen (verrückt, oder?!) und ich an meinen „Kurzer Willy Socken“ stricken konnte. Ich kam entspannt auf der Arbeit an, ich kam zum Feierabend entspannt zurück. Es könnte wirklich eine Bereicherung sein, aber ich fürchte, es wird niemals eine werden.


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