Ach du Strick!

Strickpullover für 3 Mark 50 – Der Preis meiner Lebenszeit.

Ein kleines Vorwort vorweg:
Es gibt viele gesellschaftliche Diskussionen, die sich 1:1 auf Handarbeiten übertragen lassen und in der Community intensiv diskutiert werden. Nachhaltigkeit oder allgemein die Herkunft und die Gewinnung von Wolle (Stichpunkte: Merino aus Australien, Seide und Mohair) ist nur ein Teil des Ganzen und ich begrüße jede Art von konstruktiver Diskussion. Eine gewisse Streitkultur hat den Menschen seit Anbeginn seiner Zeit voran gebracht und ich bedauere, dass mittlerweile nahezu jedes Thema derart aufgeheizt ist, dass Argumente nicht mehr sachlicher Natur sind, sondern auf einer persönlicher Ebene erfolgen. Selbst simple und eigentlich schöne Themen wie z.B. Garn-Adventskalender werden zwischen den Parteien in einer Art und Weise ausgefochten, dass es mir persönlich eher unangenehm ist und ich mich gar nicht erst daran beteiligen möchte. Ich will nicht sagen, dass das schon etwas heißt, aber eigentlich meide ich nie Diskussionen und habe keine Angst vor Gegenargumenten oder auch davor, meine eigene Meinung zu hinterfragen und ggf. zu ändern. Unterm Strich verlieren wir alle dadurch, da ein so offen ausgetragener Kampf Kunden eher vergrault, als anlockt und ich als Kunde irgendwie ständig das Gefühl habe, mich für eine der Seiten entscheiden zu müssen. Auch bei meinem heutigen Blogpost wird es in Foren und Gruppen schnell emotional und persönlich. Ich möchte daher das Vorwort nutzen und darauf hinweisen, dass dies nur meine persönliche Ansicht ist, ich aber bei diesem Thema viele Faktoren sehe und andere Meinungen durchaus für mich verständlich sind.

Nun aber los…

Ein kontrovers diskutiertes Thema ist der Wert von Handarbeit und damit der Wert der individuellen Lebenszeit. Was kostet es dich, wenn ich mich hinsetze und etwas für dich stricke/häkle/nähe oder übersetze? Viele von uns kamen hin und wieder in die Situation, dass jemand „mal eben“ etwas gestrickt haben möchte und völlig verständnislos reagiert hat, als man dankend ablehnte. Ich mache es mal an einem konkreten Beispiel fest:

Ich blieb sehr lange von Anfragen aus meinem näheren Umfeld verschont, die meine Handarbeitskünste in Anspruch nehmen wollten. Zwar war mir durchaus bewusst, dass es irgendwann soweit sein wird, aber als die erste Anfrage eintrudelte, war ich doch sehr über das Ausmaß verblüfft und die Anfragende über meine ablehnende Haltung alles andere als erfreut.



Als einen schönen Sommertages mein Handy klingelte, war ich schon von vornherein etwas verwundert. Jeder hat die lieben Verwandten, die man ausschließlich auf Feiern 2-3 x im Jahr sieht, sonst aber keinerlei Berührungspunkte mit ihnen hat. Ich entschloss mich dennoch ranzugehen und bereute es binnen Sekunden. Mir wurde großzügig und voller Güte ein Auftrag anvertraut, bei dem ich „ein paar (p klein, nicht groß) Sneakersocken“ für eine Bekannte meiner Verwandten stricken sollte. Die Farbe dürfte ich mir selbst aussuchen. Zu diesem Zeitpunkt brauchte ich noch rund 4 Wochen für ein Paar (P groß, nicht klein) Socken und sagte, dass ich das nicht schaffen kann. Es folgte eine kurze Stille, die von einem scharfen „Das müsse ich selber wissen, aber wenn ich kein Geld verdienen möchte…“ unterbrochen wurde. Das berühmte Wespennest war angepiekt und die Kerngesprächstemperatur fiel auf den 0 Punkt. Es stellte sich schnell heraus, dass meine Verwandte ihrer Bekannten zugesagt (!) hatte, dass ich mehrere Paar Socken binnen eines Monats für sie stricken würde. Selbst der Hinweis, dass ich Vollzeit arbeiten gehe und nicht monatelang jeden Abend Socken für eine mir unbekannte Person stricken möchte, wurde mit einem „Hast ja den Sommer über Zeit“ abgetan. Natürlich lehnte ich dieses großzügige Angebot ab und im Anschluss fielen noch kleine, pikierte Stichelleien wie z.B., dass ich „ja auch schneller stricken könne, dann würde ich vllt. ein paar Euro mehr verdienen“. Im Leben hätte ich pro Paar nicht mehr als 8-10 Euro erhalten und das für vllt. 2 Wochen Arbeitszeit. Wieso sollte ich sowas tun? Mit Mindestlohn wäre ich locker mit (mindestens!) 20 Stunden Arbeit + Garn bei insgesamt 186,30 Euro (20 x 9,19 Euro + 2,50 Euro Garn) pro Paar gelandet. Mal abgesehen von der plötzlichen Anfrage als solches, hat mich vor allem geärgert, wie teils fremde Personen über meine wertvolle Lebenszeit bestimmen. Der Tonfall vom ersten Moment, bis zum Auflegen wurde immer eisiger und ich konnte spüren, wie beleidigt meine Verwandte war. Ich kann nicht mal sagen, dass ich vollkommen überrascht von dieser Anfrage und dem Ausgang des Gespräches war, aber es kostete mich schon einiges an Überwindung hart zu bleiben. „Nein“ sagen ist halt nicht jedermanns Sache.

Ein paar Wochen später stand die nächste Familienfeier an und meine Verwandte ließ es sich natürlich nicht nehmen, mir die Sache noch mal unter die Nase zu reiben. Sie hätte jemanden gefunden, der sich nicht zu schade für diese Arbeit sei. Meine Oma bekam es mit und, obwohl sie sich meistens eher zurückhält, stärkte sie mir gleich den Rücken und konterte, dass sie es genauso wenig gemacht hätte. Meine Verwandte hatte sich augenscheinlich bei meiner Oma und den Rest der Familie über mich und meine Faulheit geärgert, wodurch die anderen direkt im Bilde waren – aber auf Oma war Verlass! 🙂 Wahrscheinlich nicht zuletzt, weil sie selbst ihr Leben lang gestrickt hat und weiß, wie viel Stunden so etwas dauert.

Natürlich ist das einer der härteren Fälle, aber nicht selten werden Handarbeiter:innen gefragt, ob sie nicht einen Pullover, eine Jacke, ein Tuch oder auch nur ein Paar Socken stricken könnten und müssen dann mühsam vorrechnen, wie hoch allein die Kosten für das gewünschte Material sind. Sicherlich gibt es einige Menschen, die den Wert echter Handarbeit schätzen, aber der größte Teil der Kleidungskonsumenten sind andere Preise gewohnt und entsetzt über die hohen Garnpreise. Wie also mit Anfragen umgehen?

Viele lehnen grundsätzlich alles ab, da sie in der Vergangenheit auf den Materialkosten sitzen geblieben sind oder sich Vorwürfe anhören mussten, dass sie zu langsam gewesen wären. Andere arbeiten dagegen nur im Auftrag, sofern die Materialkosten vorher gezahlt werden. Eine dritte Gruppe arbeitet komplett unentgeltlich (sicherlich eher bei niedrigen Materialkosten wie z.B. Sockengarn (Werbung)) und sehen es als Teil ihres Hobbies. Meiner Meinung nach haben alle drei Varianten eine absolut nachvollziehbare Daseinsberechtigung und sind für mich gute Lösungen mit diesem Thema umzugehen. Der Grundton der Diskussionen geht allerdings meistens in die Richtung, dass manche ihre Arbeit für „Dumpingpreise“ anbieten und somit den Markt zerstören. Ein Argument, dass ich auch grundsätzlich nachvollziehen kann, aber letztendlich jedem selbst überlassen sein muss.

Im Laufe der Zeit hat sich mein Können ausgebaut und ich bin deutlich schneller geworden. Zwar habe ich bislang keinerlei weitern Anfragen erhalten, mir aber natürlich meine eigenen Gedanken zu diesem Thema gemacht und wie ich zukünftig damit umgehe. Das Ergebnis: Ich stricke und häkle ausschließlich als Geschenk, wenn ich weiß, dass mein Gegenüber sich freut und meine Handarbeit zu schätzen weiß. Selbst wenn Freunde oder Arbeitskollegen an mich herantreten würden und mich um etwas bitten, würde es ein Geschenk bleiben. Sollte der Wunsch zu groß sein, wie z.B. ein Pullover, würde ich generell die Anfrage ablehnen und begründen, wieso ich diesen Gefallen nicht tun kann. Transparenz ist an der Stelle sicherlich nicht das Schlechteste, da die meisten sicher verstehen, wenn man eine 50 Stunden Arbeit nicht machen möchte. Mein Vorgehen heißt jedoch nicht, dass ich nicht auch mal etwas verkaufe. Nachdem ich immer besser geworden bin, habe ich einige alte Tücher aussortiert und entweder gespendet oder über ein Internetportal verkauft. Als Wert habe ich den Bobbelpreis (Werbung) zu Grunde gelegt und 10-15 Euro obendrauf gepackt. Das ist für mich vollkommen in Ordnung, da ich die Tücher selbst getragen habe und sie zu schade sind, um nur noch in der Schublade zu liegen.

Im Vergleich dazu hat meine Oma früher Auftragsarbeiten angenommen und sich den Materialpreis sowie eine gewisse Arbeitspauschale bezahlen lassen. Sicherlich war das damals für sie eine gute Hinzuverdienstmöglichkeit, die für mich allerdings nicht in Frage kommen würde. Da ich euch aber nicht im Unklaren über „meinen Preis“ lassen möchte, spiele ich es mal kurz durch. Sofern dies für mich in Betracht käme, wäre die Preisfindung sicherlich schwierig. Materialkosten sind harte Fakten, die einfach zu argumentieren sind, aber wie sieht es mit der Arbeitszeit aus? Einen Stundenlohn? Eine festgelegte Pauschale? Eine Einladung zum Abendessen? Ich habe in den letzten Jahren viele unterschiedliche Varianten gehört, würde allerdings die Pauschale bevorzugen. Für ein einfaches Paar Stinos Größe 40 wären für mich Materialkosten + 10 Euro in Ordnung. Das liegt allerdings daran, dass Stinos meine „Nebenbeiprojekte“ sind und ich dabei nicht viel denken muss. Ich würde mich dabei weder auf eine Zeit festnageln lassen, noch auf ein kompliziertes Muster – die stricke ich ja nicht mal für mich selbst 😀



Was – für mich persönlich – allerdings noch viel wichtiger als die Frage des Preises ist, ist der Umgang mit solchen Anfragen. Mittlerweile bin ich deutlich stärker geworden und habe das „Nein-Sagen“ geübt. Das Gespräch zwischen mir und meiner Verwandten würde heute deutlich anders verlaufen und ich würde ihr nicht mehr unterwürfig gestatten so selbstverständlich mein Leben gestalten zu wollen. Wenn mich heute jemand fragt, „ob das nicht ein wenig teuer sei“ oder „ich nicht mal eben kann“, trete ich deutlich entschiedener auf. Bei besonders frechen Anfragen würde ich den Mindestlohn ansetzen und falls sich darüber geärgert wird, wieso ein Paar Socken 100 Euro kostet, würde ich fragen:

Was genau ist der Preis deiner Lebenszeit?

Ich wette mit euch, damit entwaffnet ihr jeden, der sich über euren Preis ärgert.


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