Ach du Strick!

Virus „Glückswürmchen“ und „Sorgenwürmchen“

Wir kennen es alle: Sobald wir im Cyberspace unterwegs sind, sind wir diversen Handarbeits-Trends gnadenlos ausgeliefert. Ob wir wollen oder nicht.

Manche dieser Trends treffen uns mitten ins Herz und wollen sofort nachgemacht werden, andere sind nett, aber belanglos und wieder andere interessieren einen nicht im geringsten… Und dann… gibt es die Trends, die SO LANGE trenden, dass sie sich ins Hirn fressen und deine Meinung Stück für Stück bröckeln lassen.

Ein Beispiel? Als der Kolding-Schal das Licht der Welt erblickte, fand ich ihn furchtbar hässlich. Ich sags wie es ist. Noch dazu ist er ein (für mich) Mamut-Projekt, welches viel Garn, Zeit und Geld frisst – absolut nicht mein Jagdgebiet. Nach und nach, tummelten sich Bilder des fertigen Schals in meinem Feed, ich sah die glücklichen Trägerinnen, die schönen Garne und verstand das Prinzip dieses Schals und seine seltsame Form. Plötzlich war es nicht mehr zu viel Garn, nicht mehr zu viel Geld und eigentlich ist die Form doch genau das, was ich immer wollte? Der Kolding hat es geschafft, sich parasitär in mein Gedächtnis zu fressen und dort zu bleiben, bis ich ihn wohl irgendwann stricke. Aktuell hält mich nur noch das Bedürfnis zurück, kein weiteres UFO zu gebären… Aber sind wir mal ehrlich: Wann hat mich sowas je längerfristig zurückgehalten?

Während der Kolding schlicht und ergreifend aus reiner Faulheit noch nicht angeschlagen wurde, sieht es bei den Sorgenwürmchen bzw. Glückswürmchen anders aus. Am Anfang von mir belächelt und aus vielen Gründen nicht angeschlagen: „Wofür? Für wen? Keine Zeit und Mäh, häkeln!“, änderte sich meine Stimmung rapide.

Diese Woche war es soweit. Ich saß frustriert vor meinem Strickmützenprojekt, brauchte ein kleines Erfolgserlebnis – eine nette Kleinigkeit, die absolut kopflos funktioniert. Fataler Weise hatte ich SOFORT ein Bild von den Würmchen vor Augen, da auch sie sich über die letzten Monate in jede noch so versteckte Hirnwindung eingenistet haben. Ausnahmsweise wusste ich auch ohne Anleitung sofort, wie man ein kringelndes Häkelprojekt anfertigt und hatte keine 5 Minuten später mein erstes Würmchen angeschlagen.



Warum Sorgenwürmchen? Warum Glückswürmchen?

Die Würmchen gibt es schon relativ lange, aber 2023 ist definitiv ihr ruhmreichstes Jahr! Das Prinzip ist relativ simpel: Stricke oder Häkle (meist) anonym einen Wurm und platziere ihn dort, wo andere ihn finden können. Die Meisten legen ein paar nette Worte dazu und wollen damit ein wenig Freundlichkeit in die Welt bringen.

Die Grundidee fand ich zwar immer ganz süß, hielt den Nutzen und die Wirkung für eher überschaubar. Das änderte sich jedoch, als ich auf Instagram auf einen Beitrag stieß (ich glaube vom WDR), der das Thema aufgriff und viele Menschen diesen kommentierten. Es waren keine Handarbeiter:innen, sie kannten sich nicht aus, aber einige hatten bereits einen Wurm gefunden und fragten sich, woher sie kommen. Ja, sie freuten sich tatsächlich und aufrichtig…? Als „Insider“ erklärte ich einer Handvoll Usern, was es damit auf sich hat und spürte die Dankbarkeit. Mir gegenüber für die Erklärung, aber vor allem den anonymen Werklern, die ihnen einfach eine Freude bereiten wollten, ohne Gegenleistung und direkter Anerkennung.

In dem Moment wurde mir klar, dass ich die Strahlkraft dieser Würmchen deutlich unterschätzt hatte und die Wirkung einer solchen Nettigkeit nicht wahrgenommen habe. Natürlich ist mir bewusst, dass viele Menschen sich über kleine Gesten freuen. Keine Frage. Aber vielleicht ist es genau diese Zeit, mit ihren fürchterlichen Kriegen, unsäglichem Leid, politischen Stürmen, der absoluten Ohnmachtsgefühlen die Superhelden braucht, die keine roten Capes tragen oder das Batmobil fahren. Wir brauchen Sorgenwürmchen.


Wo und wie platzieren?

Ich wohne direkt an der Düsseldorfer Uniklinik und gehe gerne ab und zu über das Gelände. Während ich die Pflanzen und den nahezu verkehrslosen Raum genieße, entgehen mir natürlich nicht die Schicksale, die sich hinter den Fenstern verbergen. Ich glaube, es gibt viele Orte, an denen Menschen von Sorgen gequält werden und die Würmchen können nahezu überall jemandem ein Lächeln in das Gesicht zaubern. Die Uni ist natürlich der naheliegendste Ort und wird daher da ein oder andere Würmchen von mir abgekommen. Aber auch meine Eltern, die mit alten und kranken Menschen auf Grund ihres Berufsstandes zu tun haben, sollen welche bekommen und selbst entscheiden, wer ein Würmchen braucht.

Wichtig ist mir allerdings zu sagen, dass ich viele Orte etwas fragwürdig finde. Im Internet häufen sich die Bilder von Würmchen, die irgendwo im Wald oder in die Dünen hingehangen werden. Für mich ist das ein No-Go, da man im Zweifel einfach Müll in die Natur schmeißt. Denk bitte daran, dass unser Garn meistens alles andere als ein Naturprodukt ist und die Garnfäden sich hervorragend um Beinchen wickeln können. Bitte achte einfach darauf, ob deine Werke wirklich gut und zeitnah gefunden werden können, da zu schnell ein Tier darunter leiden können und die Umwelt verschmutzt wird. Ich weiß, das entromantisieren wird den einen oder anderen ärgern, aber wir wollen doch eigentlich alle mit dieser Aktion etwas Gutes tun.

Damit dein Würmchen etwas besser vor der Witterung geschützt ist, kannst du es in eine kleine Plastiktüte legen. Gerade in verregneten Wochen weicht weder der Holzkopf auf, noch wird die Wolle muffig. Bei der Größe der Beutel kommt es natürlich darauf an, wie groß deine Würmchen sind. Bei mir reichen diese verschließbaren Zipperbeutel* aus. Die, die ich bei meinen Eltern platziere kommen natürlich ohne Beutelchen aus.

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Welches Garn?

Am cleversten und nachhaltigsten ist es natürlich, wenn du dein Restgarn verwendest. Die Würmer benötigen kaum Garn und auch kleinere Reste können gut verwertet werden. Ich bin mittlerweile in die Untiefen meines Stashs abgetaucht und habe einige Knäulchen rausgesucht, mit denen ich ansonsten nicht mehr viel anfangen kann bzw. möchte.

Besonders bezaubernd finde ich jedoch mein Catania Color Garn*. Das Knäuel habe ich irgendwann gekauft und bis zu diesem Zeitpunkt lieblos in der hintersten Ecke meines Schrankes versteckt. Die Farbzusammenstellung gefiel mir zwar beim Kauf schon, aber angehäkelt liebe ich es! Nie im Leben habe ich mit diesem schönen Verlauf und dem herbstlichen Touch gerechnet. Die Catania ist ein 100% Baumwollgarn und somit absolut glatt. Ein Effekt, den ich bei den Würmchen besonders mag – wobei ich auch viel Sockenwolle verwenden werde.

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Meine Versionen vom Körper

Wie oben beschrieben, habe ich durch viele andere Projekte und Experimente den „Dreh“ im wahrsten Sinne raus 🙂 Ich habe daher verschiedene Würmchen gehäkelt und möchte dir die kleinen Anleitungen zur Verfügung stellen.

Das Grundprinzip ist wirklich einfach und wahrscheinlich kann man noch viel mehr Varianten daraus zaubern. Vorab sei erwähnt, dass ich keine feste Luftmaschenanzahl habe. Ich häkle immer um die 35-45 und zähle nicht mit. Jedes Würmchen ist einzigartig und sie dürfen unterschiedlich lang sein. Achte nur darauf, dass es keine Schlange wird, da sie kleine Begleiter für z.B. die Jackentasche sein sollen 🙂

Variante 1 (einfarbig)

Schritt 1: Häkle eine Luftmaschenkette in der von dir gewünschten Länge
Schritt 2: Häkle in die zweite Luftmasche (von der Nadel aus gesehen) 3 doppelte Stäbchen.
Schritt 3: Häkle in jede weitere Luftmasche ebenfalls 3 doppelte Stäbchen.
Schritt 4: Vernähe den Anfangsfaden.

Wie du siehst, dreht sich das Würmchen von alleine ein.

Variante 2 (zweifarbig)

Schritt 1: Häkle eine Luftmaschenkette in der von dir gewünschten Länge
Schritt 2: Häkle in die zweite Luftmasche (von der Nadel aus gesehen) 3 Stäbchen.
Schritt 3: Häkle in jede weitere Luftmasche ebenfalls 3 Stäbchen.
Schritt 4: Am Ende angekommen, setze eine zweite Farbe an (ich nehme gerne Kontraste, die passen) und häkle nun in jedes Stäbchen ein weiteres Stäbchen, bis du wieder oben angekommen bist.
Schritt 5: Vernähe den Anfangsfaden.

Variante 3 (mehrfarbig, aber abwechselnd)

Schritt 1: Häkle eine Luftmaschenkette in der von dir gewünschten Länge
Schritt 2: Häkle in die zweite Luftmasche (von der Nadel aus gesehen) 3 halbe Stäbchen mit Farbe Nr. 1
Schritt 3: Häkle in jede weitere Luftmasche ebenfalls 3 halbe Stäbchen in Farbe Nr. 1
Schritt 4: Am Ende angekommen, setze die zweite Farbe an und häkle nun in jedes halbe Stäbchen ein weiteres halbes Stäbchen, bis du wieder oben angekommen bist.
Schritt 5: Setze nun entweder eine dritte Farbe an oder die erste Farbe und häkle nun erneut in jedes halbe Stäbchen ein halbes Stäbchen.
Schritt 6: Vernähe die überzählen Fäden.

Variante 4 (Kringel, Kringel)

… übrigens kannst du die Korkenzieher noch ausgeprägter gestalten, in dem du statt 3 Stäbchen 4 Stäbchen in eine Masche häkelst. Das kannst du natürlich auf alle oberen Varianten anwenden 🙂

Hinweis: Schneide nicht zu viel Garn am Ende ab. Je nach Kopf-Art und Abschlussarbeiten, benötigst du noch einen längeren Faden.


Meine Versionen vom Kopf

Vorab… So wird der Kopf (in dem Fall Holzkugel) angebracht.

Ziehe einfach deinen langen Endfaden durch den Kopf und häkle erneut eine Luftmaschenkette doppelt so lang, wie deine Schlaufe am Ende sein soll und beende die Kette, indem du in die erste Luftmasche eine Kettmasche setzt. Häkle nun in jede Luftmasche eine feste Masche und vernähe das Ende des Fadens. Besonders ordentlich wird es, wenn du den Faden noch mal durch den hohlen Kopf ziehst und unten im Gewirr vernähst 🙂

Holz- oder Garn-Kopf? Im Grunde kannst du deinen Geschmack oder eben auch den Geldbeutel entscheiden lassen. Ich habe mich für kleine Holzkugeln entschieden, die ich mit einem Edding so bemale, dass da Würmchen einen freundlichen Gesichtsausdruck bekommt. Außerdem gibts ein bisschen Rouge auf die Backen 🙂 Gekauft habe ich 2 unterschiedliche Größen, da jedes Garn etwas anders wirkt und ich so immer den passenden Kopf habe. Aber NATÜRLICH, habe ich erst nach meinem Kauf gesehen, dass es auch direkt bemalte Kugeln, mit einem lieben Gesicht (Werbung) gibt. Warum auch nicht? Nur kam ich leider nicht drauf 😀

Die zweite Variante ist die günstigere. Du kannst statt des Holzköpfchens auch einen Bommel frickeln, den du am Ende des Würmchens platzierst. Ich habe mich zwar dagegen entschieden, weil ich echt schlecht bommle, aber dafür wird das ein oder andere Würmchen eine Quaste an den Hintern bekommen – einfach, weil es Freude macht.

Ich habe mich dafür entschieden, dass meine Sorgenwürmchen oben eine Schlaufe haben und dadurch irgendwo hingehangen werden können. Du kannst aber auch einfach eine hübsche Perle, einen Knopf oder anderes Dekomaterial oben anbringen. Ein Beispiel:

Tipp: Damit der Teil unterm Kopf mehr eingedreht ist, da – je nach Variante – es ein wenig entkringelt, vernähe ich den Anfangsfaden so, dass der Kringel bestehen bleibt. Ungefähr an der Stelle, wo das Köpfchen der Häkelnadel ist.


Die persönliche Note

Es bleibt dir absolut frei, ob du nur dein Würmchen an den Zaun hängst oder eine zusätzliche persönliche Note einbringst. Ich habe mich dafür entschieden, dass meine Würmchen alle einen Namen bekommen und diesen, mit einem Etikett und einer kleinen Grußbotschaft versehen mit in die Welt nehmen dürfen. Beides ist nicht aufwendig, aber gibt – für mich – noch mehr das Gefühl, dass jemand jemandem eine Kleinigkeit gemacht hat.

Meine Würmchenfamilie besteht bisher aus:

  • Frieda
  • Liesel
  • Hubert
  • Paulinchen
  • Rudi

Du weißt nicht, was du schreiben könntest? Wie wäre es mit:

  • Adoptiere mich
  • Nimm mich mit!
  • Darf ich dein Freund sein?
  • Wenn du mich mitnimmst, bist du nicht mehr alleine 🙂
  • Du bist toll, wie du bist.
  • Für ein wenig Freude.
  • Dein persönliches Sorgenwürmchen

Advent, Advent, die Zeit, die rennt! Noch kein Weihnachtsgeschenk gefunden?


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