Ach du Strick!

Unfertige Objekte (UFOs) bekämpfen

Wir alle kennen das „Problem“ und haben unseren ganz eigenen, persönlichen Weg damit umzugehen. Egal wo ich langlaufe, ich werde inspiriert, angeflirtet und in Versuchung geführt. Überall ist Garn versteckt und möchte verwendet werden. Am liebsten würde ich wöchentlich ein neues Projekt anschlagen, den Zauber des Anfang vollumfänglich genießen und… das Projekt feierlich jemand anderen überreichen, damit er es zu Ende strickt.

Es gibt wohl nur wenige Handarbeiter:innen, die es gnadenlos durchziehen und immer nur ein Projekt auf den Nadeln haben. Sie schlagen erst dann eine neue Arbeit an, wenn das aktuelle Projekt abgeschlossen ist – Irre, oder? Leider gehöre ich absolut nicht zu dieser auserlesenen Gruppe und während sich andere von Projekt zu Projekt hangeln, zwinkert mir auffordernd das Chaos in meiner DNA zu und stellt unmissverständlich klar, dass Anfangen viel schöner als Durchziehen ist. Die kindliche Vorfreude ist nicht zu bremsen und weder gutes Zureden meines Partners, noch mein stressiger Arbeitsalltag können meine Begeisterung bremsen und ein weiteres Häufchen Garn im Wohnzimmer verhindern.

Gestrickter Schal Stola aus handgefärbten Sockengarn Sockenwolle

Manche Anleitungen ziehen sich bis ins Unendliche und machen bei Weitem weniger Spass, als man zuvor gedacht hätte. Ab und zu liegt es sogar am Garn. Entweder lässt es sich nur widerwillig verarbeiten oder die Farbe und das Projekt matchen doch nicht so, wie wir es uns erträumt hätten. Doch wie UFO´s verhindern? Und wie die Motivation aufrecht erhalten, etwas zu beenden? Vorweg muss ich den Handarbeitern dieser Welt die Hoffnung nehmen, die in diesem Blogbeitrag die Lösung all ihrer Probleme gesehen haben… ich habe mich selbst noch längst nicht so im Griff, dass mich jungfräulich herumliegendes Garn nicht triggert. Allerdings habe ich mittlerweile ein paar Ansätze gefunden, die das Fass nicht vollkommen zum überlaufen bringen und die Moral zumindest ein stückweit aufrecht erhalten.


Vielleicht helfen dir die aufgeführten Tipps, dein UFO-Chaos ein wenig einzudämmen. Ich arbeite noch selber daran, aber theoretisch sollten die ganz gut helfen 😀

Akzeptiere dich, wie du bist
Der erste Weg zum Glück verläuft immer in dieselbe Richtung. Erkenne, wer du bist und sei dir nicht böse. Es klingt vielleicht ein wenig übertrieben, aber ich meine es durchaus ernst. Wenn du ein kreativer Chaostyp bist und gerne 15 Projekte gleichzeitig anschlägst, du dich aber mit den Menschen vergleichst, die immer nur ein Projekt nach dem anderen abarbeiten, wirst du zwangsläufig unglücklich sein. Obwohl ich versuche mich zu beherrschen und mir durchaus Grenzen setze, habe ich für mich akzeptiert, dass ich NIEMALS nur an einer Sache gleichzeitig arbeiten kann. Im ersten Schritt, kann diese Erkenntnis sehr befreiend sein und man kann darauf aufbauen.

UFO´s sind ok, es kommt aber auf die Anzahl an
Wenn unfertige Projekte für dich grundsätzlich in Ordnung sind, du aber dennoch das Chaos etwas beherrschbarer gestalten möchtest, lege die eine maximale Anzahl an Projekten fest. Meine „offizielle“ Grenze liegt bei 3 (1 „Großprojekt“ zB. Pullover und 2 „kleinere“ Projekte), wobei es leider immer mal wieder zu Ausbrüchen kommt. Die festgelegte Grenze überschreite ich vor allem dann, wenn mich ein Projekt wirklich geärgert hat und ich es länger zur Seite – in die stille Kiste – legen muss.

Halte dem Esel die Möhre vor die Nase
Ein kleiner Trick, den man ruhigen Gewissens „organisierten Selbstbetrug“ nennen darf, der mir aber schon einige Male geholfen hat. Ich weiß nicht, ob es eine Art Nestbautrieb ist, monotone Corona-Verwirrung oder ich allgemein mit etwas unzufrieden bin und es dadurch kompensieren möchte, aber aktuell würde ich am liebsten täglich 3 neue Projekte anschlagen. Das Bedürfnis wurde so stark, dass ich in irgendeiner Art und Weise damit umgehen musste. Neben den aktuellen UFOs und 2-3 anderen geplanten Projekten, sind mehrere Sockenmuster und Stränge ebenfalls in meinem Visier und so habe ich beschlossen, die Sockenbündchen der geplanten Socken zu stricken. Ein Bündchen nach dem anderen wird gestrickt und nach Beendigung in die Garnkiste zurück gelegt. Es mag verrückt klingen, aber in meinem Kopf macht es durchaus Sinn. Das Bedürfnis wurde befriedigt, ich habe – bevor ich vor lauter Übermut NICHTS tue – schon etwas vorgearbeitet und bin wieder etwas ruhiger geworden. In meiner heilen Welt zählt dieses Vorgehen nicht als UFO-Produktion, da das Ziel klar definiert wurde und nach Beendigung des Bündchens das Projekt abgeschlossen ist. Allerdings muss ich darauf hinweisen, dass es NUR dann sinnvoll ist, wenn man wirklich vor hat die Socken zu stricken. Wer anfängt Bündchen für Socken zu stricken, die niemals gestrickt werden, hatte zwar Bespaßung für die Hände aber seine Zeit nicht wirklich optimal genutzt.

Sperre dein Garn weg
Aus den Augen – aus dem Sinn! Es ist wie mit Süßigkeiten im Schrank: Wer sie hat, isst sie schneller auf. Mein Garn hängt weder an der Wand, noch lacht es mich aus dem Schrank heraus an, während ich auf der Couch sitze. Eine Zeitlang lagerte ich meine Bobbel dekorativ im Wohnzimmer, allerdings machte mich der Anblick der noch anstehenden Arbeit ziemlich nervös. Also packte ich meine Bobbel in verschließbare Aufbewahrungsboxen (Werbung), die unter meinem Bett stehen und legte direkt das restliche Garn, sowie Motten abschreckende Zedernholzringe (Werbung) dazu. Dadurch, dass ich die hübschen Stränge nicht dauerhaft sehe, reduziere ich ein wenig das Verlangen sie anzustricken.

Meide Kontakt zur Außenwelt
Sicherlich mit einem kleinen Augenzwinkern gemeint, aber dem Grunde nach nicht die schlechteste Variante. Bevor ich Instagram nutzte, hatte ich kaum UFOs und seitdem ich dort unterwegs bin, beherrschen sie mich. Es gibt unfassbar viele Projekte, die ich anschlagen möchte und für die ich sogar Garn da hätte, die sich in meinem Schrank ganz wunderbar machen würden oder die ein hervorragendes Geschenk wären, auf die ich ausschließlich durch die Social Media Kanäle stoße. Ich bin kein Strickprofi, der irgendwelchen Designern aktiv folgt oder immer gleich weiß, was sich hinter einem bestimmten Namen verbirgt. Ich würde also ohne den Kontakt zu meinen Mitmenschen deutlich weniger influenciert werden und ab und zu vermeide ich ganz bewusst den Blick auf die Arbeiten der anderen. Übrigens habe ich dem Thema „Der Social-Media-Wahnsinn“ im Bezug auf Handarbeit einen eigenen Blogbeitrag gewidmet.

Kenne deine Schwächen
Jeder hat seine ganz persönlichen Eigenheiten und Schwächen, die einem ab und zu im Weg stehen. Beispielsweise gehöre ich zu denen, die niemals die zweite Socke beenden und schon gar keine Pulloverärmel. Wie auch im übrigen Leben, können nur die Schwächen bekämpft werden, die man klar benennt. Zum Beispiel habe ich das „gleichzeitige“ Stricken gelernt und stricke meine Socken meistens parallel auf einer langen Rundstricknadel. So konnte ich meine Anzahl an Socken-UFOs deutlich reduzieren und die Vorfreude (meistens) bis zum Schluss behalten. Außerdem gehe ich mittlerweile dazu über und webe Fadenenden ein, anstatt sie hinter her zu vernähen. Dadurch erspare ich mir äußerst viel Frust, der vor allem bei Restesocken immens sein kann.

Wickel nicht!
Das funktioniert wahrscheinlich nur, wenn man „Wickeln“ so hasst wie ich 😀 Es gehört dazu, aber ich mache es nicht gerne und bevor ich ein neues Projekt starte, für das ich noch wickeln muss, überlege ich mir 3x, ob ich WIRKLICH ein neues UFO produzieren möchte und mich JETZT an meinen Wollwickler (Werbung) stelle.

Vermeide Schaufensterbummel!
Kennen wir das nicht alle? Man will „nur mal eben gucken“, schaut sich bei den Lieblings-Handfärber:innen um, schnövt bei den großen Garnherstellern umher und nahezu überall wird man inspiriert. Meine schlimmsten Anfälle von Anschlageritis brechen immer dann aus, wenn ich mich vorher durch wundervolle Garnkombinationen selbst getriggert habe und ein leichtes „hach, das hättest du auch gern“ mitschwingt. Um möglichst wenig UFOs anzuschlagen, sollten besonders Anfällige (=ich) nicht jeden Abend Nachbars grünen Rasen betrachten, sondern einfach den eigenen gießen.

Horte keine Stricknadeln
Viele Zusammenhänge konnte ich noch nicht so wirklich erkennen, aber einen dafür umso deutlicher: Desto mehr Stricknadeln ich besitze, desto größer wird mein UFO-Berg. Socken sind „mal eben“ flott angeschlagen und bislang rettete mich nur meine begrenzte Anzahl an 2,5er Nadeln (Werbung), nicht vollkommen zu eskalieren. Zwar habe ich mich die meiste Zeit im Griff und schlage nicht automatisch pro Nadel ein Paar Socken an, aber WENN ich plötzlich diesen Drang habe, sind die Nadeln meist belegt und ich komme um ein neues UFO herum.




Solltest du doch einmal eskaliert sein, helfen dir vielleicht die folgenden Ideen, Gedankengänge und Mechanismen dich selbst zu motivieren und/oder ein wenig Spaß am Abbau der Projekte zu entwickeln. Zumindest ist es bei mir so 🙂

Nimm unliebsame Stücke mit auf Besuch
Ein absolut genialer Trick, der leider während Corona nicht so richtig funktionierte. Ich gehöre leider zu den Handarbeiterinnen, die eine absolut ausgeprägte Abneigung gegenüber dem Vernähen von Fäden besitzen. Ich beende sehr viele Projekte und lege sie dann weg, ohne die Abschlussarbeiten zu erledigen. Es gibt einfach viel zu viele schöne Dinge, die man stattdessen stricken oder häkeln könnte und so bleiben meine Socken unvernäht und ungetragen in den Schubladen zurück. Irgendwann bin ich dazu übergegangen, solche Arbeiten mit zu Besuch zu nehmen. Meine Familie kennt mich und weiß, dass ich immer etwas nebenbei frickeln muss und wundern sich daher nicht über einen Berg an Socken, deren Fäden ich nach und nach verschwinden lasse. Wenn ich irgendwo zu Besuch bin, bleibt mir keine Wahl, als mich diesen unliebsamen Arbeiten zu widmen, da ich dort keinerlei Alternativen habe. Frei nach dem Motto: „Besser das als nichts“ sind schon viele Projekte auf diese Art und Weise beendet worden.

Baue Druck auf und sprich über dein Leid
Solange ich in meiner stillen Kammer vor mich herstricke, kann ich mir selbst jede Lüge auftischen, die ich möchte. Ich kann mir erzählen, dass ja noch genügend Zeit ist, ich relativ weit bin oder andere Dinge höhere Priorität haben. Es ist nicht so, dass ich meine Ausreden nicht kenne, aber mir selbst kann ich sie wunderbar immer wieder vorheucheln. Ab und zu bediene ich mich jedoch Instagram und erzähle frei heraus, woran ich gerade arbeite, motiviere andere zum mitmachen und erzeuge somit den Druck, den Tritt in den Po, den ich ab und zu brauche. Beispielsweise hatte ich meine Anleitung für das Tuch „Owendsonn“ noch längst nicht fertig, da suchte ich bereits Teststricker und versprach, in Kürze die Anleitung zu liefern. Es war stressig, aber es funktionierte und zur Deadline war die Anleitung fertig.

To-Do-Listen und Wochenplan helfen tatsächlich!
Ob beruflich oder privat, ich liebe To-Do-Listen! Der Alltag ist voll mit kleinen und großen Dingen, die erledigt werden müssen und man kann schnell den Überblick verlieren. Gerade, als ich besonders viele UFOs angehäuft hatte, nebenbei aber auch mit dem Blog beginnen wollte, musste ich mir einen Überblick über meine zu erledigen Aufgaben schaffen, notierte die einzelnen Projekte und die Blogbeiträge, die mir im Kopf rumschwirrten.

Im nächsten Schritt, da die Liste alleine nicht half, erstellte ich einen Wochenplan. Die Überlegung war eine recht einfache: Jeder Tag bekam ein Projekt, eine Aufgabe zugewiesen und wenn ich an dem Tag etwas hobbietechnisch machen wollte, durfte ich ausschließlich an diesem zugewiesenen Projekt arbeiten. Ich kam so weder in Versuchung, ein anderes – schöneres – Projekt in die Hand zu nehmen, noch wurde ein Projekt vergessen. So hatte ich meine festen Zeiten und konnte zusehen, wie jedes Projekt gleichermaßen bedient wurde.

Übrigens nutze ich nach wie vor meine Listen. Spätestens seitdem Pinterest dazu gekommen ist, wurde es insgesamt zu viel und so kann ich ganz entspannt meine Kreuze setzen und vergesse absolut nichts. Vielleicht haben diese Liste ein etwas angestaubtes Image, aber damit kann ich ganz gut leben. Ein Vorurteil, dem wir Stricker uns doch eh immer stellen müssen 😉

Suche dir Leidensgenossen
Obwohl ich eher zu den Einzelkämpfern gehöre, ist es manchmal doch motivierender, wenn man sich gemeinschaftlich durch ein Projekt quält. Sei es, dass man zu zweit dunkle Socken strickt oder Socken in einer großen Größe, einen kleinen KAL/CAL (s. Blogbeitrag) ausruft oder eben den #machdasUFOfertigFAL nutzt, um im Januar ganz stumpf alles Liegengebliebene abzuarbeiten. Gemeinsam statt einsam.

Ribbel! Und zwar GNADENLOS
Manchmal muss man es sich eingestehen und ein Projekt für tot erklären. Entweder gefällt einem die Farbe nicht, man hat den Überblick verloren oder das Design spricht einem nicht mehr an. Egal aus welchem Grund, man weiß bereits, dass man niemals die Ziellinie erreichen wird. In diesen Fällen kann es sehr befreiend sein, wenn man sich diesen Projekten entledigt und das Garn für andere Dinge nutzt, die schlussendlich einen Abschluss finden. Zudem gilt hier der Nachhaltigkeitsgedanke, da ein ungetragenes Projekt Ressourcen verschwendet, die wir so dringend benötigen.


Schlusswort

Sobald ich eine neue Idee bzw. eine Erfahrung gesammelt habe, wie man unliebsame Projekte zu einem Ende bringt oder gar nicht erst anschlägt, werde ich die Liste ergänzen. Bis dahin: Haltet euch ran und strickt, häkelt und näht eure UFOs weg! 🙂


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