Ach du Strick!

Nur Omas stricken!

Wir alle kennen sie aus unserem Alltag. Die kleinen Vorurteile, die uns tagtäglich begleiten. Mütter, deren Kinder an der Supermarktkasse schreien sind unfähig, einem ungeschickten Anrempler im Bus verdanken wir unseren Ruf ein Hooligan zu sein und zu Beginn meiner Computerzeit war ich der introvertierte Nerd, der bestimmt irgendwann Fiktion und Wirklichkeit nicht mehr auseinander halten kann.

Mit Anfang 20 pachteten mein Freund und ich einen Kleingarten. Der Schrebergartenidylle, dem Anbau vom Gemüse, dem Brotbacken und Einkochen sei Dank, erwarb ich schnell den Ruf, der eigentümliche Hippie in meinem Freundeskreis zu sein. Bis ich mit Handarbeiten anfing, konnte ich mir kaum vorstellen, dass etwas mehr Vorurteile auf sich ziehen könnte als ein Kleingarten. Einfach unmöglich! Gut, die meisten Vorurteile gegenüber Kleingärtnern stimmen zu 100%, aber darum geht es hier nicht. Meine Arbeitskollegen und Freunde zeigten jährlich wiederkehrendes, großes Interesse daran, die Geschichten über meine verurteilenswert schief geschnittenen Hecken zu hören, dass mein Komposter Ratten anlockt (Ja, manche glauben, man sollte Gartenabfälle in der Tonne entsorgen – eine jährlich wiederkehrende Predigt) und der Rasen nicht oft genug gemäht wird. Für Berufstätige ist es oft schwer, den Rasen rechtzeitig zu mähen, wenn man am Wochenende keinen Lärm machen darf, aber das interessiert natürlich keinen Kleingärtner mit 75 Jahren Rasenerfahrung. Und so zogen die Jahre ins Land, während meine Freunden mir den „Öko-Stempel“ verpassten und sogar meine Gartennachbarn mich seltsam beäugten. Ich baute schon immer gerne die wildesten Dinge an, verzichtete vollends auf Chemie und ließ einen Teich buddeln, der größer war als so manch ein Gemüsebeet.

Gestrickte Socken Sockengarn Sockenwolle Stricksocken

Zugegeben, Handarbeiten reihen sich vorbildlich hinter den Kleingarten ein. Jeder neuen Bekanntschaft zähle ich meine Hobbies in der gleichen Reihenfolge auf: Hund, Gartenarbeit, Handarbeit und World of Warcraft. Letzteres nenne ich meist im gleichem Atemzug, um nicht ganz so Bündnis 90 zu wirken, allerdings wirkt auch das Hobbie auf viele Personen befremdlich. Ich könnte dich Stunden zutexten, mit welchen Vorurteilen ein (junger) Kleingärtner im Außenverhältnis und im Innenverhältnis zu kämpfen hat, wie man es mehrfach schafft zum Gesprächsthema in der jährlichen Mitgliederversammlung zu werden oder warum manche einen skeptisch betrachten, wenn man seine eigenen Luffaschwämme anbaut. Ich möchte mich jedoch auf die Vorurteile gegenüber Stricken und Häkeln beschränken und jetzt zum eigentlichen Kern des Beitrags kommen – ich erzähle einfach wieder zu viel 🙂



Warum gibt es Vorurteile gegenüber Handarbeiter:innen? Und wer hat sie? Wie kann man sie aus dem Weg räumen?
Vielleicht ist nicht jeder von euch im gleichem Ausmaß betroffen und vielleicht ist es vielen absolut egal – was ich sehr begrüßenswert finde. Dennoch möchte ich dieses Thema in Angriff nehmen und vielleicht fühlt sich die ein oder andere Person verstanden und kann etwas nützliches aus diesem Beitrag ziehen. Ich glaube, gerade jüngere Handarbeiter:innen oder Männer knabbern deutlich häufiger an lästigen Aussagen, als die (Achtung, Vorurteil!) „klassische Omi im Häkelstuhl“.

Wer hat Vorurteile?
Ich glaube, dass es in jeder Generation und von jedem Geschlecht Vorurteile gibt. Manche sind „historisch“ gewachsen, andere einfach durch unsere Gesellschaft antrainiert. Man muss überall mit ihnen rechnen, obwohl sich in den letzten Jahren ein leichter Wandel bemerkbar macht, der DIY und Handarbeiten als positive Entschleunigung in unserer heutigen Zeit sieht.

Gegen wen richten sie sich?
Sicherlich kommt es darauf an, wer die Vorurteile äußert. „Außenstehende“ richten ihre Vorurteile sicherlich gegen jede Person, die irgendwas mit Handarbeiten zu schaffen hat. Stricker schauen dagegen oft auf Häkelstücke und denken, dass diese irgendwie immer altbacken aussehen und Gnade Gott einem Mann, der sich Handarbeiten als Hobbie ausgesucht hat! Soweit ist die deutsche Welt noch nicht, dass jeder sang- und klanglos einen Mann mit Häkel- oder Stricknadeln akzeptiert. Wieso sage ich „deutsche Welt“? Ganz einfach! Vorurteile sind oft regional und während ein strickender Mann hier mit dummen Vorurteilen zu kämpfen hat, sind sie in Norwegen, Schweden, Finnland vollkommen normal. Mann braucht sicher ein dickeres Fell als Frau, wenn es um nervige Äußerungen geht.

Welche Vorurteile gibt es?
Es gibt unzählige Vorurteile, aber ich möchte mich auf die beschränken, die ich am häufigsten gehört habe und immer noch höre. Die Reihenfolge ist so gewählt, wie sie mir spontan einfallen.


1.) Ich würde es ja auch machen, aber ich habe keine Zeit für sowas.
Ein Vorurteil, dass man relativ schnell aushebeln kann. Oft ist es kein Zeitproblem, sondern einfach eine andere Priorisierung. Es ist vollkommen in Ordnung, dass sich nicht jeder die Zeit für einen Strickpullover nehmen möchte. Im Umkehrschluss darf das allerdings nicht heißen, dass alle arbeitslos sind, die fröhlich ihren Handarbeiten nachgehen. Andere Personen gehen dafür gerne ins Kino, lesen Bücher oder gehen am Wochenende feiern, während ich gemütlich im Garten sitze und Socken stricke.

2.) Ich würde es ja auch machen, aber ich habe keine Geduld für sowas.
Zugegeben, dass Vorurteil triggert mich regelmäßig. Ich weiß nicht, wieso ich diese magische Anziehungskraft auf Personen in meinem Umfeld habe und sie mir alle das gleiche sagen. Wer mich kennt weiß eigentlich, dass ich alles andere als geduldig bin. Ich will alles und zwar sofort und bin leicht durch meine innere Ungeduld aus der Ruhe zu bringen. Um eben genau DEM entgegen zu steuern und zu LERNEN, mit meiner Ungeduld umzugehen und zu entschleunigen, habe ich mit Handarbeiten angefangen. Es war ein weiter Weg, bis ich die notwendige Geduld erlernt habe, ein Strickstück zu ribbeln oder eine Anleitung zu verstehen und es war wahrlich kein schöner Weg. In dem Moment, in dem jemand mit diesem Vorurteil kommt, reduziert er meinen Weg und meine Leistung, die ich in meine eigene Entwicklung investiert habe und sieht meinen heutigen Stand als Gott gegeben an. Jeder kann ein gewisses Maß Geduld lernen, wenn er es nur möchte. So hart es auch einzusehen ist.

3.) Das ist mir zu teuer!
Diesen Punkt möchte ich ganz klar in zwei aufteilen. Ja, es ist nicht umsonst und es gibt sicherlich viele Menschen, die sich Garne und die passenden Strick- oder Häkelnadeln nicht leisten können. Die Personen möchte ich hier selbstverständlich nicht ansprechen und ihnen auch nicht erklären, dass es günstige Alternativen gibt. Nicht jeder hat die finanziellen Möglichkeiten, auch nur auf die günstigen Alternativen umzusteigen und ein solches Urteil möchte ich mir, in meiner privilegierten Situation, nicht anmaßen.

Mir geht es um die, die sich „draußen“ Cocktails oder gutes Essen leisten können, die ein Fahrrad haben, Ausflüge gestalten, ins Kino gehen oder Briefmarken sammeln. Auch hier gilt: Alles eine Sache der Priorisierung. Ja, ein Knäuel handgefärbtes Garn kostet zwischen 9 Euro und 22 Euro, aber mit einem Cocktail ist man mit 7 Euro auch schon gut dabei. Ah, du hast eine Reitbeteiligung oder bist in einem Sportverein? Nichts ist umsonst – Ich denke, du verstehst, worauf ich hinaus möchte.

4.) Strickpullover? Nein danke, da juckt es mich schon beim Gedanken!
Ein Vorurteil, dass ich durchaus nachvollziehen kann. Gerade die Generation meiner Mutter wurde gequält von der Generation meiner Oma. So manch ein Strickpullover glich Schmirgelpapier und scheuerte die Bäuche wund. Wenn ich stricke und meine Mama ist im selben Raum, lasse ich sie immer die heutigen Produkte fühlen. Noch heute behält sie ihre unglaubliche Abneigung gegen gestrickte Kleidung bei und nur Schicht für Schicht kann dieses Kindheitstrauma bekämpft werden und wir haben schon einen großen Weg hinter uns gebracht! Mittlerweile gibt es viele Alternativen und Produkte, die potenziell jedem Babypo schmeicheln können. Habt ein wenig Mitgefühl, wenn euch jemand mit diesem Vorurteil entgegen tritt. Gebt freien Herzens euer Handarbeitsstück aus den Händen, lasst es anfassen und beweist, dass Zeiten sich ändern.

5.) Bist du nicht zu jung dafür?
Nein. Punkt.

6.) Ich brauche schon etwas anspruchsvolleres in meiner Freizeit.
Wenn ich eins gelernt habe, dann ist das mit das gemeinste Vorurteil. Handarbeiter:innen werden im Allgemeinen als weniger clever dargestellt, als z.B. Schachspieler:innen und leisten geistig keine großen Sprünge. Mal abgesehen davon, dass man erstmal Stricken/Häkeln lernen muss, trainiert man gleichzeitig die Handmuskeln und geistige Fähigkeiten wie z.B. das Gedächtnis. Außerdem leisten Designer großartige Rechenarbeit, wenn sie Muster entwerfen, die zu Beginn wie ein chaotischer Maschenhaufen aussehen und am Ende ein wundervolles Muster ergeben. Das ist nichts, was jeder „mal eben so“ lernen oder schaffen kann. Darauf darf man stolz sein!

7.) Häkelkleidchen und Strickjacken sind mir zu altmodisch!
Zugegeben, so manch ein Projekt ist mir auch zu altmodisch und weder hänge ich mir gehäkelte Gardienen auf, noch lege ich mir Häkeldeckchen unter Vasen. Geschmäcker sind verschieden und das darf auch so sein. Allerdings weise ich die Vorurteilsgeber:innen gerne darauf hin, dass sie im Laden oft genug gestrickte Pullover kaufen. Diese sind meist nur feiner und von Maschinen gestrickt, aber Garn bleibt Garn und gestrickt bleibt gestrickt.

8.) Wenn es dein Hobbie ist, kannst du es doch auch umsonst machen?
Hierzu habe ich bereits einen Blogartikel geschrieben (siehe HIER). Jede Stunde, in der ich an einer Socke stricke, wird mir von meiner Lebenszeit abgezogen. Nein, ich arbeite für niemanden umsonst.

9.) Mit Liebe gemacht!
Ein schwieriges Vorurteil, da sich dieser Satz in die Köpfe aller eingebrannt hat und sich viele Handarbeiter:innen nicht trauen, ehrlich mit dem Umfeld zu sein. Mittlerweile sage ich oft genug den Beschenkten, dass nicht jede Masche mit Liebe gestrickt wurde und oft Blut, Schweiß und Tränen meine treuen Begleiter in den unzähligen Arbeitsstunden waren – ich es aber aus Liebe durchgezogen habe. Bisher hat es jeder verstanden und war dann noch etwas berührter 😉 Wir sind hier unter uns: Macht ausnahmslos jedes Projekt Spaß? Stecken ausschließlich Liebe und gute Laune in wirklich jeder Arbeit? Bei mir definitiv nicht.

10.) Handarbeiter:innen leben in einer altmodischen Bubbel
Sicherlich ist nicht jede Strickerin und nicht jeder Häkler im Darknet unterwegs, um sich dort die neuste Alpacawolle aus Neukaledonien zu snipen und viele stricken und häkeln noch immer auf Grundlage von Anleitungen, die in Zeitschriften abgedruckt wurden… aber eben nicht alle. Dieses Vorurteil ist mir erst so richtig durch meinen Freund bewusst geworden. Seitdem ich in die Welt der Handarbeiten abgetaucht bin, hatte er so manch ein AHA-Erlebnis. Die Onlineplattformen, auf denen man bequem mit allen Zahlungsmitteln Anleitungen digital runterladen und die Wollfeste auf denen man mit Paypal bezahlen kann waren absolute Augenöffner für ihn. Als Corona in unser aller Leben trat und viele große Veranstalter nichts auf die Beine bekamen, schossen unzählige Onlinestricktreffs, Podcasts und Plauderrunden aus den Ecken hervor, die sich auf Instagram, Facebook oder Clubhouse trafen. Nicht zuletzt greift die Community Zeitgeschehen auf und strickt bzw. häkelt sie über Nacht nach. Seien es die legendären braunen Norweger-Handschuhe von Bernie Sanders oder die aktuellen Marvel-Helden, für jeden ist etwas dabei.

Außerdem staune ich immer wieder, wie pfiffig manche Errungenschaften sind. Regelmäßig kommen entweder spezielle Garne auf den Markt oder Produkte, die Handarbeiten erleichtern. Oft sind sie absolut simpel, aber dennoch genial und mittlerweile unterstützen auch viele Apps die Frickler auf dem Weg zum Ziel.

11.) Vereinzelnd gibt es sicher Handarbeiter:innen, aber nicht soooo viele.
Wir sind viele. So viele, dass wir die Weltherrschaft an uns reißen könnten und vielleicht sogar schon an einem Plan stricken 😉


Muss ich überhaupt Vorurteile aus dem Weg räumen?
Nein. Niemand muss etwas und wenn es dir egal ist, ist es dein gutes Recht zu schweigen. Das finde ich vollkommen in Ordnung, da es letztendlich ein Hobbie ist und nicht zu Diskussionen führen sollte, wenn du es nicht möchtest. Ich bin ein Widder, wie er im Bilderbuch steht und habe Spaß am Austausch und Argumentieren. Daher würde ich einer solchen Unterhaltung nicht aus dem Weg gehen.

Die Grenze des Schweigens würde ich allerdings dort ziehen, wo andere vor deinen Augen und Ohren runtergemacht werden. Das klassische Beispiel wäre, dass strickende Männer unmännlich/schwul sind oder auch wenn jemand zu „billiges“ Garn benutzt und somit minderwertige Arbeit leistet. MIR ist eine solche Diskussion noch nicht unter die Finger gekommen, aber ich habe schon von vielen Seiten gehört, dass sich Handarbeiter:innen wegen ihres günstigen Garns schämen und vor den Treffen die Banderolen des Garns entfernen. Da sollte eindeutig deine Schmerzgrenze erreicht und dein Einschreiten erforderlich sein. Hab in deinem Umfeld, auf deinen Handarbeitertreffen und im Internet ein offenes Auge für solche Themen und spring dem Mobbingopfer zur Seite. Ja, es ist Mobbing, wenn andere sich ein Opfer aussuchen und auf Garnpreisen rumreiten oder fehlende Männlichkeit unterstellen. Sowas sollte nicht unkommentiert bleiben und erfordert ein Einschreiten. Für die Horde!

Können Vorurteile auch Vorteile mit sich bringen?
Ja. Ich glaube, dass viele von uns diesen kleinen Moment schon einmal hatten, in dem sie ein fertiges Stück präsentieren konnten und ein Raunen durch die Manege ging. „Das hast DU gemacht?“, „Das will ich auch!“. Viele trauen Handarbeiten nicht zu, modern, ästhetisch oder einfach nur lustig zu sein. Der elegante Zopfmuster Strickpullover in beige oder das gehäkelte Amigurumipferd können schnell aus sich heraus beweisen, dass jemand falsch lag und schlichtweg dieses Hobbie unterschätzt hat.

Wer mit Handarbeiten eine kleine Selbstständigkeit aufbauen möchte und entweder im Designbereich unterwegs ist oder zum Beispiel Garn färbt, hat generell eher wenig Erwartungen bei seinem Gegenüber geweckt. Das kann den Beginn eines solchen Abenteuers leichter gestalten, wenn das Umfeld nicht gleich den großen Reibach sieht, sondern eher tiefstapelt. Es reicht, dass du es besser weißt.

Allgemein bin ich der festen Überzeugung, dass jede gelebte Kreativität Vorteile mit sich bringt und in ungeplanten Situationen auf Abruf genutzt werden kann. Ich war schon immer der Meinung, dass Mathe, Physik und Co. sicherlich ihre Daseinsberechtigung haben, aber die kreative Bauernschläue einem Vorteile verschaffen kann, mit denen andere nicht rechnen. Kreativität ist letztendlich eine der Disziplinen, die wir tagtäglich während unserer Arbeiten an Projekten schulen. Sei es durch eine wilde Garnzusammensetzung, eine eigene kleine Anleitung oder auch durch eine Problemlösung im Strick-/Häkelstück.



Nun ist die Zeit für ein kleines Schlusswort bzw. Fazit gekommen. So ernst sollte der Beitrag eigentlich gar nicht werden 😀 Vorurteile sind nichts ungewöhnliches und einfach absolut menschlich. Begegne ihnen mit Respekt, aber auch selbstbewusst und steh zu einem der schönsten Tätigkeiten dieser Welt 🙂 Vielleicht kannst du den ein oder anderen durch deine Begeisterung mitreißen und auf ewig an dieses Hobbie binden. Mir ist es schon mehrfach gelungen und es ist großartig, wenn man andere animieren kann! Lasse dich auf keinen Fall durch irgendwelche Äußerungen vom häkeln, stricken, nähen, plottern etc. abhalten und lebe dein Leben, wie du es möchtest. Du brauchst dich nicht zu verstecken oder auf ein hohes Alter zu warten, damit du in die Vorstellungen der anderen passt. Wir wissen schließlich alle, was wir drauf haben und welch wundervolle Dinge wir erschaffen bzw. gestalten können 🙂


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