Ach du Strick!

Die Magie der Handarbeitsgruppen

Schon lange schleiche ich um den Gedanken herum, einer Handarbeits- Strick- bzw. Häkelgruppe beizutreten oder sogar selbst eine zu gründen. Warum ich diese Idee noch nicht umgesetzt habe? Ganz einfach! Eine meiner typischsten Eigenschaften ist das ständige Abwägen von Vor- und Nachteilen und auch dieses Thema bleibt hiervon nicht verschont. Mit dem heutigen Blogbeitrag möchte ich mich noch mal intensiver mit diesem Thema auseinandersetzen und mich vielleicht selbst einen Schritt damit weiterbringen. Schnapp dir ein Heiss- oder Kaltgetränk deiner Wahl, der Beitrag wird lang 😀

Worum geht es?

Im Gegensatz zu Instagram, Pinterest oder Foren, trifft man sich bei örtlichen Handarbeits-Grüppchen in einem Lokal, in einem Garten oder an einem anderen Ort der Wahl. Jeder bringt seine aktuellen Projekte mit, es wird gemeinsam Zeit verbracht und an den Projekten gearbeitet.

Welche Vorteile gibt es?

Tatsächlich sehe ich sehr viele Vorteile, sich zu einer kleinen Horde strickender oder häkelnder Personen zusammen zu rotten. Wie auch andere Blogbeiträge, wird sicherlich auch dieser stets erweitert werden, wenn mir weitere Punkte einfallen.

Gemeinsame Ziele

Aus Handarbeitsgruppen sind bereits grandiose Projekte entstanden. Manche haben das ganze Jahr über gemeinschaftlich an Produkten für einen Weihnachtsmarkt gearbeitet und die daraus entstandenen Einnahmen für die nächsten Ausflüge ins Lokal verwendet, andere haben kleine Vereine gegründet und versorgen Obdachlose, Frühchen oder Tafeln mit ihren Werken und wieder andere haben ihren Stadtteil verschönert und graue Poller (Gefahrenstelle für Sehbeeinträchtigte Menschen!) bestrickt und umhäkelt.

Aber auch weniger ambitionierte Ziele können eine puschen und sehr viel Spaß bereiten. Die Welt der Internet-KALs boomt! Zeitgleich stricken und häkeln die Handarbeiterinnen und Handarbeiter rund um die Welt das neuste Westknits-Tuch und arbeiten gemeinsam digital daran. Wie schön ist es, wenn man sich in der örtlichen Strickgruppe einen eigenen KAL überlegt? Ein Tuch, das zeitgleich alle Stricken und sich gegenseitig helfen, wenn jemand irgendwo nicht weiterkommt oder sich mit der Farbauswahl nicht sicher ist?

Begegnungsstätte

In anderen Blogbeiträgen hatte ich diesen Aspekt bereits thematisiert und ich bleibe dabei: Handarbeit verbindet. Sie verbindet jung mit alt, gesund mit krank, dicke und kleine Geldbörse. Es gibt wenige Themen, die so übergreifend unterschiedlichste Menschen an einen Tisch bringen können und das passiert (mittlerweile) leider viel zu selten. Durch Handarbeitsgruppen können alte Menschen Kontakt zu jungen Menschen aufbauen, ihre Sorgen und Nöte verstehen, aber auch Gen Z kann von den Erlebnissen und Geschichten der Boomer profitieren.

Ich konnte bisher immer einen großen Nutzen für mich daraus ziehen, mit einem extrem breiten Spektrum an Kollegen arbeiten zu können, die sich in allen Altersphasen befunden haben. Jungen Studenten konnte ich von meinen ersten Gehfehlern erzählen und ihnen beim Start in die Berufswelt helfen, von den älteren Kollegen konnte ich wiederum Fachwissen und Gelassenheit lernen.

Raus aus der Einsamkeit

Nicht erst seit Corona ist „Einsamkeit“ eine immer größer werdende Gefahr für die psychische Gesundheit, die sich nicht zuletzt auch körperlich auswirkt. Viele Menschen finden keinen Anschluss nach einem Umzug, nach einem Schicksalsschlag oder durch eine Krankheit. Aber auch weniger belastende Situation, wie der reine Konsum des Internets und damit der fehlende „direkte“ Umgang mit Mitmenschen, können dazu führen, dass man sich stets isolierter fühlt.

In meinem Fall kommen gleich mehrere Aspekte zusammen. Ich war noch nie eine große Rampensau, hatte aber immer guten Anschluss an die Menschen um mich herum. Vor zwei Jahren ist meine beste Freundin aus Düsseldorf weggezogen und ist der Liebe wegen in den Norden verschwunden. Zwar haben wir nahezu täglich Kontakt, aber es ist eben ein Unterschied, ob man sich sehen, anfassen und gemeinsam was erleben kann oder eben Sprachnachrichten auf doppelter Geschwindigkeit abhört, weil man noch zwei Minuten hat, bis die Pause zu Ende ist. Mit ihrem Umzug war Teil 1 meines Soziallebens weggebrochen. Des Weiteren habe ich den Job gewechselt und damit Kolleginnen und Kollegen „aufgegeben“, die für mich teilweise deutlich mehr waren, als reine Arbeitskollegen. Dieser Abschied war Teil 2 dessen, was mich heute einsamer sein lässt, als ich es vor drei Jahren war. Erschwerend kommt hinzu, dass nahezu alle meine Freunde nicht in Düsseldorf wohnen und somit ein „mal schnell auf einen Kaffee treffen“ keine Option ist. Jeder von uns hat Kinder, Arbeit und/oder andere Verpflichtungen – du kennst es vielleicht. Selbst mein Arbeitsalltag ist einsam, da ich meist im Homeoffice arbeite und zwar viel Kundenkontakt habe, aber meine Kollegen fast nie sehe.

Obwohl ich einen Partner und eine Familie habe, fühlt es sich oft an, als wäre mein komplettes Sozialleben kollabiert und nur ich wäre allein zurückgeblieben. Objektiv betrachtet ist das absoluter Quatsch, da ich mit allen den Kontakt beibehalten habe und mich „regelmäßig“ treffe, aber das Loch war tief und der Fall war es auch. Ich bin es schlichtweg nicht gewohnt, meine Liebsten Menschen nicht mehr in meinem direkten Wirkungskreis zu haben.

Aber keine Sorge, mir geht es gut! Ich stelle es mir nur für andere Menschen deutlich belastender vor, die nicht auf eine Familie, entfernt wohnende Freunde oder einen Partner zurückgreifen können. Wenn selbst ICH schon oft dieses Gefühl habe, möchte ich mir die Einsamkeit Anderer nicht vorstellen.

Eine feste Community, mit der man sich 1x in der Woche, vielleicht alle 2 Wochen trifft, kann in vielen Lebenslagen eine willkommene Ergänzung sein und einen aus dieser (gefühlten) Einsamkeit rausholen. Zusammen lachen, reden, vielleicht etwas essen und trinken ist eben ein anderes Erlebnis als ein Zoom-Meeting. Durch die EINE Gemeinsamkeit hat man gleich Gesprächsthemen und der Anschluss ist deutlich leichter zu finden. Ich kann nur jede und jeden ermutigen, sich einer Gruppe anzuschließen und es zumindest einmal auszuprobieren 🙂

Sehende Augen und helfende Hände

Natürlich ist einer der Vorteile, dass man ein geballtes Fachwissen am Tisch sitzen hat. Vielleicht weiß nicht jeder alles, aber irgendwer weiß immer irgendwas und das ist eine absolute Bereicherung.

Wie oft kommt es vor, dass man seine eigenen Fehler nicht sieht, sich im Muster verrannt hat oder ein Feedback zur Passform oder zur Garnauswahl benötigt. Wie grandios kann dann der direkte Kontakt zu Menschen sein, die man ein wenig besser kennengelernt hat? Ich würde mein Shake it Up (s. Blogbeitrag) endlich schaffen können – ich bräuchte nur Hilfe beim Lernen des Patent-Musters.

Raus aus dem Alltag

Oft fühlt es sich an, als säße ich in einem Hamsterrad und ich bin mir sehr sicher, dass viele dieses Gefühl kennen. Ich stehe morgens um 6 Uhr auf, arbeite im Homeoffice, gehe vielleicht mit Adam oder meinen Eltern essen, schaue die immer gleichen Streamer, sitze immer in der gleichen Stadt und nichts „zwingt“ mich, mich aufzuraffen, wenn ich es nicht möchte. Vielleicht kennst auch du die Situation, dass man eigentlich gar keine Lust auf die Geburtstagsfeier von Onkel Klaus hat, man sich hinschleppen muss, es am Ende aber wirklich Spaß gemacht und einem ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hat.

Ich habe aktuell nichts, was mich zwingt, aus meiner Faulheit (nennen wir es ruhig so) auszubrechen und an Tagen, an denen ich einfach sehr sehr müde bin, doch noch etwas Soziales zu tun. Die Verpflichtung, die eine solche Gruppe mit sich bringt, kann den inneren Schweinehund charmant besiegen und den stressigen Arbeitsalltag vergessen lassen.

UFOs beenden

Viele Strick- oder Häkelgruppen tauschen untereinander die UFOs aus und beenden diese gegenseitig. Aber selbst, wenn man als Gruppe ein anderes Konzept verfolgt, kann die Nachfrage der anderen „.. und? Bananensocken fertig?“ (s. Blogbeitrag) einen motivieren am Ball zu bleiben. Bei mir würde es eindeutig helfen 😀

Horizont erweitern

Ich glaube, diesen Punkt unterschätzt man sehr. Zwar bilde ich mir immer wieder ein, dass Social Media mich inspiriert, ich doch eigentlich schon alles gesehen hätte und alles weiß, aber ist es wirklich so? Probiere ich wirklich neue Garne aus, nur weil ich sie gepinnt habe? Oder probiere ich Designer, neue Maschen oder regionale Wolle eher aus, wenn jemand neben mir sitzt und ich das Projekt sehe und anfassen darf? Mittlerweile bin ich an einem Punkt, an dem ich – zumindest in Handarbeitsthemen – die Wirksamkeit des Internets nicht mehr so kraftvoll wahrnehme, wie ein Wollfest in Duisburg (s. Blogbeitrag).

Welche Nachteile?

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Doch, welche negativen Punkte haben mich bisher abgehalten? Ich glaube, hauptsächlich handelt es sich hierbei um Punkte, die vor vllt. 4 Jahren nicht auf meiner Liste gestanden hätten.

Die Verpflichtung

Meine größte Sorge ist tatsächlich ein Vorteil, den ich oben genannt habe: Eine Verpflichtung gegenüber meinen Mitmenschen. Ich könnte das Gefühl bekommen, dass – selbst wenn der Tag absolut furchtbar war und ich absolut müde bin – ich mich zu den Treffen schleppen MUSS. Ah, das Treffen wird ab kommenden Monat immer auf den einen Tag gelegt, an dem ich am schlechtesten kann? Wunderbar, noch mehr Stress! Natürlich ist das eine Sorge, die eher jemand hat, der niemals „nein“ sagen kann, aber das Gefühl gefangen in einer Verpflichtung zu sein, ist tatsächlich groß in mir 😀

Es matcht nicht?

Ich habe ein wenig die Sorge, dass ich eine Gruppe finde und wir nicht zueinander passen. Das ist im Grunde überhaupt nicht schlimm, da kein Mensch mit allen anderen Menschen kompatibel sein kann, aber wie kommt man aus der Nummer wieder raus? Vor allem, wenn man selbst die Gruppe gegründet hat und niemanden vor den Kopf stoßen möchte? Gerade diese Sorge hat sich erst in den letzten 2-3 Jahren entwickelt. Zuvor waren es eher die Verbindlichkeit und die Verpflichtung, die mich davon abgehalten haben. Woher speziell diese Angst kommt, kann ich nur erahnen, zumal mein Naturell eher ruhig und anpassungsfähig ist. Ich glaube, wer viel (!) im Social Media unterwegs ist und den rauen, harten und oft unversöhnlichen Ton in den Kommentaren liest, trägt irgendwann unweigerlich ein Päckchen auf seinen Schultern.

Mein Fazit?

Ich habe keins… zumindest keins, was mich einen Schritt weiterbringt. Ich glaube, das ich im Innern sehr sehr gerne einer kleinen Handarbeits-Gruppe angehören würde und wirklich viel Freude daran hätte. Allerdings ist der Schritt auf komplett unbekannte Menschen zu zugehen nicht für jeden gleichermaßen einfach. Tendenziell bin ich eher der unsichere Typ, der sich wirklich bemüht aus seinem Schneckenhäuschen zu schauen, aber sich eben doch viel zu oft verschrecken lässt.

Mache ich mir zu viele Gedanken?

Was hast du erlebt? Falls du einer Gruppe beigetreten bist oder du auch darüber nachdenkst, lasse es mich sehr sehr gerne wissen. Vielleicht bin ich einfach etwas gesellschaftlich-desillusioniert und brauche ein paar positive Denkanstöße, die mir den letzten Tritt geben 🙂 Denn, wenn ich mal ehrlich bin, dieser Beitrag fällt eindeutig PRO Handarbeitsgruppe aus!


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