Ach du Strick!

Der Weg zur eigenen Anleitung

Kleines Vorwort…

Ich möchte vorwegnehmen, dass ich jeden Designer aufrichtig bewundere!

Das Schreiben einer Strickanleitung bzw. Häkelanleitung erfordert, neben dem eigenen Können, viel Arbeit und Zeit. Das Design muss entworfen, ausgearbeitet, ausführlich und verständlich niedergeschrieben und testgestrickt bzw. gehäkelt werden. Die durch die Tester auffallenden Mängel werden beseitigt, das Prunkstück muss fotografisch in Szene gesetzt und das Marketing muss hochgefahren werden. Wenn es sich dann noch beispielsweise um einen Pullover handelt, der in mehreren Größen gearbeitet werden kann, dauert das Schreiben der Anleitung und die vorzunehmenden Korrekturen natürlich um ein vielfaches länger. Die Frage, warum Anleitungen teilweise „sehr teuer“ sind, dürfte damit beantwortet sein. Natürlich kann sich nicht jeder jede Anleitung leisten. Dies bedeutet aber nicht, dass die Anleitung es nicht wert ist. In manchen Anleitungen stecken Wochen an Arbeit drin und viele Designer leben davon, so wie ich von meinem Job im Büro.

Zwar hatte ich niemals das Ziel, vom Stricken leben zu können und bin mir durchaus bewusst, dass ich keine „Designerin“ bin und niemals sein werde, aber in wohl jedem Handarbeiterleben kommt irgendwann der Punkt, an dem man etwas Eigenes entwerfen möchte. 2019 war es so weit und ich habe mich an mein erstes, eigenes Dreieckstuch gewagt (s. Blogbeitrag). Natürlich macht mich eine halbgare Anleitung nicht zum Profi, aber trotzdem möchte ich meine Erfahrungen und Gedanken dazu mit euch teilen. Wer sonst, wenn nicht ein blutiger Anfänger, kann nachvollziehen, welche Fragen man sich stellt und über welche Hürden man klettern muss 🙂 Der Übersicht halber, habe ich meine Überlegungen in drei Kategorien aufgeteilt, wobei es bei der Umsetzung keinen festgelegten Ablauf gibt. Die Kategorien teilen meine Gedanken lediglich in unterschiedliche Gruppen ein, wobei sehr viele Punkte nahtlos ineinander greifen.

Wie soll mein Design aussehen?

Wo geht die Reise hin?

Zuerst musste ich mir einen Rahmen schaffen. Möchte ich einen Pullover designen oder einen Schal? Ein Dreieckstuch oder Socken? Mir kamen immer mehr Ideen, ich sah in jedem und allen eine Inspiration und sprudelte nur vor Begeisterung. Allerdings kann die blanke Euphorie auch lähmend sein und ich musste mich nach einigen WOCHEN des Grübelns endgültig festlegen, welches Projekt ich in Angriff nehmen möchte. Meine Wahl fiel auf ein Tuch. Ein Tuch deshalb, weil ich dabei keinerlei Konfektionsgrößen beachten muss und ich es für den Anfang am einfachsten zu designen finde. So tüftelte ich ein paar Tage rum und probierte, welche Form (Halbmond, Dreieck etc.) mir am besten gefällt und entschied, eine Anleitung für ein klassisches Dreieckstuch zu entwerfen.

Die grobe Planung

Nachdem feststand, welches Projekt es werden sollte, nahm ich Stift und Papier zur Hand und kritzelte einfach etwas rum. Relativ schnell war mir klar, dass ich 3 Farben verwenden und das Tuch in 3 Bereiche einteilen wollte. Der Rest würde sich ergeben, wenn ich mit dem Projekt starte. Klingt im ersten Augenblick nach wenig Planung, aber jede Reise beginnt mit nur einem einzigen Schritt und da ich noch gar keine Vorstellung vom Ergebnis hatte, war die Vorgabe der Farben eine hilfreiche Sache.

Die Wahl, des richtigen Werkzeugs!

Was dem Maler seine Farben, ist dem Stricker sein Garn und so ging ich in mein Fachgeschäft des Vertrauens und suchte mir welches aus, an dem ich viel Freude haben würde. Mir war durchaus bewusst, dass das Garn meine eigene Kreation präsentieren würde und ich wollte, dass es mir besonders gut gefällt und extrem flauschig ist (Benessere von Lana Grossa (Werbung)). Als ich 2021 meine Anleitung überarbeitete und neudesignte, ging ich genauso vor und kaufte mir Garn, an dem ich mich nicht satt sehen würde – egal wie oft ich ribbeln müsste. Da ich von Anfang an wusste, dass ich drei verschiedene Farben nutzen wollte, kaufte ich zwei Hauptfarben, eine Nebenfarbe und baute mein Tuch auf dem vorhandenen Garn auf.

Inspiration holen ist keine Schande, klauen aber schon!

Jeder wird inspiriert, das Leben funktioniert gar nicht anders. Man sieht irgendwo eine Idee, arbeitet sie für sich um und schon die großen Meister der Kunst lebten nicht in einer einsamen Bubble und befruchteten sich gegenseitig. Die Anzahl der Maschenarten ist begrenzt und so kommt es zwangsläufig dazu, dass ein Design einem anderen ähnlichsieht, wobei der Designer vielleicht nicht mal Kenntnis über die andere Anleitung hat. Was aber nicht geht, ist die Arbeit anderer zu klauen, sich vielleicht sogar eine Anleitung zu kaufen und Elemente dort zu entnehmen! Das gehört sich nicht und kann ggf. sogar ein Straftatbestand sein, bei dem man mit Konsequenzen zu rechnen hat. Und nein, auch kostenlose Anleitungen dürfen nicht geklaut werden!

Gestricktes Dreieckstuch aus handgefärbter Wolle Garn Orange Creme Royalblau

Aber gegen Rumstöbern im Internet hat keiner etwas einzuwenden und letztendlich kam ich dadurch auf die Farben für die Überarbeitung 2021. Eine Userin verwendete für ihren Pullover einen warmen Orangeton und ein sattes Blau. Die Kombination gefiel mir so gut, dass ich Orange einkaufte und die beiden anderen Farben aus meinem Stash nahm.

Sei schlau, sei faul!

Einzelne Muster, spezielle Techniken oder einfach der optische Eindruck lassen sich im Großformat nur mit viel Aufwand testen. Um mir nicht zu viel Arbeit zu machen, hatte ich (neben meinem eigentlich Tuch) drei Dummy-Garne, mit denen ich eine winzige Version meines Tuchs stricken konnte. So optimierte ich die Verzwirnungen (man lernt nie aus), einzelne Dinge konnte ich unproblematisch ausprobieren und musste mich dafür nicht durch dutzende Reihen und hunderte Maschen der großen Version quälen.

Natürlich könnt ihr auch mit einer Sicherheitsleine arbeiten. Das bedeutet, dass in eurer großen Version an bestimmten Stellen einen Faden durch alle Maschen gezogen wird, um hinter her bequem ribbeln zu können, falls dies nötig sein sollte. Das macht vor allem dann Sinn, wenn es entweder besonders komplizierte Muster sind oder ihr nur am Original effektiv experimentieren könnt. Im Fall der Fälle, könnt ihr dann alle Maschen von den Nadeln gleiten lassen und die durch die Leine gesicherten Maschen einfach wieder auffädeln und beim „Speicherpunkt“ erneut starten :o) Übrigens eine Technik, die sich nicht nur beim Entwerfen einer Anleitung bezahlt macht! Es gibt einige Stricknadeln (z.B. die KnitPro Karbonz (Werbung)), mit denen man diese Leine direkt einstricken kann. Diese Nadeln haben am unteren Ende ein kleines Loch, durch das man das Garn für die Leine einfädeln kann. Ein Segen, kann ich euch als leidgeprüfte „manuell und nachträglich mit Stopfnadel-Einfädlerin“ nur sagen 🙂



Die Anleitung

Dein Gedächtnis, die überschätzte Gefahr…

Wahrscheinlich hat jeder Junior-Designer die Erfahrung sammeln dürfen, dass etwas beim Frickeln „logisch“ erscheint, hinter her aber nicht mehr nachvollziehbar ist. Zwar habe ich mich stets bemüht, den Anforderungen an eine Anleitung gerecht zu werden und mehr oder weniger alles mitgeschrieben, aber die Tücke steckt eben doch im Detail. Es gab 2-3 Kleinigkeiten, die mich beim Ausformulieren meiner Anleitung zur Verzweiflung gebracht haben und sich nur mit viel Hirnschmalz rekonstruieren ließen. Sollte ich jemals wieder eine Anleitung schreiben, würde ich deutlich mehr Zeit in das Mitschreiben investieren und mir hinter her die Arbeit, den Schweiß und die aufkommende, leichte Panik ersparen.

Am Ende half mir lediglich mein Verständnis für die Anleitung und dem eigenen Stil aus der Patsche, denn so konnte ich an den unklaren Stellen ein wenig Licht ins Dunkel bringen. Sicherlich ist es nicht verkehrt, seine eigene Anleitung zu verstehen und wirklich verinnerlicht zu haben. Weglegen und nach Monaten weiter zu arbeiten kann sicherlich gut gehen, muss aber nicht.

Zielgruppengerecht

Bevor ich mich auch nur dazu entschlossen hatte, eine Anleitung für ein Dreieckstuch zu schreiben, hatte ich mich bereits auf eine Zielgruppe festgelegt. Ich wollte ein Tuch für ambitionierte Anfänger designen und das hat vor allem einen Grund: Mein Können ist überschaubar. Ich mache mir nichts vor, ich kann keine Muster entwerfen, bei denen man 10 Reihen lang denkt, dass die Maschen wild zusammengewürfelt wurden und hinter mit einem WOW-Effekt belohnt wird. Dafür müsste ich deutlich mehr Talent und logisches Denken besitzen. Nein, ich wollte ein Tuch designen, bei dem man nicht mitzählen muss, was Fehler verzeiht, mit jedem Garn und jeder Stärke zu stricken ist, bei dem man hier und da individuelle Anpassungen vornehmen kann und das fernsehtauglich ist.

Solltet ihr jetzt denken, dass ein Anfängerprojekt easy-going ist, irrt ihr euch. In meinem Berufsleben habe ich viele Azubis und Studenten betreut bzw. neue Kollegen eingearbeitet und weiß daher, wie aufwendig eine sorgsame Einarbeitung sein kann. Wenn ihr eine Anleitung für Anfänger schreibt, sollten einige Fotos zum besseren Verständnis eingefügt und auch kleinere Details dürfen gerne erwähnt werden – z.B. ob der Faden hinter oder vor der Arbeit liegen sollte. Das eigene Wissen darf nicht die Voraussetzung sein, die Anleitung nachzuarbeiten. Natürlich kann man nicht immer alles abdecken und auch ein Anfänger darf mal etwas im Internet suchen. Es sollte eben nur ein lösbares Problem sein und nicht die ganze Arbeit zum kippen bringen.

Ordnung ist ein großer Stück vom Kuchen!

Mein Freund behauptet, ich sei ein chaotischer Mensch, aber ich würde mich eher als „kreativen Freigeist“ sehen! Im Garten breche ich gerne mit Strukturen, überrasche mit Unerwartetem und bin ein Fan von blühenden Mischkulturen. Sobald es jedoch mein Arbeitsleben betrifft, bin ich deutlich strenger. Während ich mich an den Maschen kreativ und wild austoben konnte, habe ich versucht, eine lesbare Anleitung zu schreiben. Das bedeutet, dass man Überschriften klar vom Text unterscheiden kann, Absätze ein einfacheres Lesen ermöglichen, Wichtiges rot gekennzeichnet ist und (für mich) auch ganz wichtig: Das Kind immer gleich heißt. Wenn ich oben „Anfangsmasche“ schreibe, sollte die gleiche Masche 15 Reihen darunter nicht „Beginnmasche“ heißen. Gut, seltsames Wort, aber ihr wisst, was ich meine :o) Es sind viele Kleinigkeiten, die im ersten Augenblick zu perfektionistisch wirken, unterm Strich aber wirklich einen hohen Mehrwert mit sich bringen! Der Autor darf nicht vergessen, dass der Leser zum ersten Mal die Texte liest und sich direkt zurecht finden muss.

Ein Liste über die notwendigen Materialien oder auch Kenntnisse, die man im Optimalfall beherrschen sollte, sind für viele eine Grundvoraussetzung, sich überhaupt mit der Anleitung zu beschäftigen. In meinem Fall habe ich eine „Das Wichtigste im Überblick“ Kategorie hinzugefügt. Dort stehen vor allem die Dinge drin, die sich durch die Anleitung hindurch ziehen (z.B. Zunahmeart, wie die Anfangsmasche gestrickt wird, etc.)

Deine Mainzelmännchen können loslegen!

Es kam der Moment, an dem ich den Stift weglegen konnte, die Fotos im Kasten waren und alles irgendwie ganz ok aussah. Glücklich, aber etwas unsicher lehnte ich mich zurück und ließ die Arbeit nun von anderen machen: den Teststrickern. Tester sind wichtig, da sie die Lücken im System finden und dir Fehler zeigen, die du vorher nicht gesehen hast. Es ist keine Schande, wenn sich in der Anleitung einige Fehler verstecken. Dafür sind Tester da und man selbst wird schlichtweg betriebsblind, wenn man über Tage/Wochen die immer gleichen Sätze ließt. Ebenso zeigen sie euch die Stellen auf, an denen ihr nicht sauber formuliert habt und fragen die Fragen, die sich sonst andere Fragen würden. Im Optimalfall ist es eine Win-Win Situation und die fleißigen Mainzelmännchen haben am Ende ein neues Lieblingsstück und ihr eine möglichst fehlerfreie Anleitung.



Sonstiges

Kreative Sinnkrise

Wie bei den meisten Dingen im Leben, muss auch beim Kreieren einer Anleitung hin und wieder der eigene Haus- und Hof-Schweinehund überlistet werden. Man muss sich aufraffen Fehler zu korrigieren, Bilder einzufügen oder selbst einen Teststrick vor zu nehmen. Es sollte aber nicht darin enden, dass ihr selbst jede Freude am eigenen Design verliert und es für euch nur noch ein lästiges Übel ist. Solange ihr nicht davon leben müsst und es wirklich nur rein Just4Fun machst, legt euer Projekt zur Seite und widmet euch anderen Dingen. Auch, wenn viele es nicht für möglich halten, kann Kreativität geschult werden und auf Knopfdruck abrufbar sein. Aber selbst die, die diese Kunst vollends beherrschen haben ab und zu einfach eine Sperre, ähnlich wie die Schreibblockade bei Autoren. Der erste Versuch, meine Anleitung zu schreiben schaffte es bis zum Teststrick, aber Corona zog meine Motivation so in den Keller, dass einfach nichts mehr ging. Einige Zeit später konnte mich nichts mehr aufhalten und die Ideen, die Freude und die Kreativität waren zurück und ich konnte mein Projekt beenden.

Alles hat ein Ende, aber was kommt dann?

Irgendwann muss sich jeder Designer fragen, wie es mit der fertigen Anleitung weitergehen soll. Soll es eine kostenlose und freizugängliche Strickanleitung bzw. Häkelanleitung sein? Oder soll sie über eines der großen Portale zum Verkauf angeboten werden? Tatsächlich dauert bei mir diese Prozess länger, als die eigentliche Arbeit an der Anleitung. Seit Monaten überlege ich, ob ich sie kostenlos zur Verfügung stelle oder sie zum Verkauf anbiete. Aber wie errechne ich den Preis? Was ist sie wert? Was ist sie dem Käufer wert? Und über welches Portal? Zwischendurch kam mir die Idee, dass ich die Anleitung gerne kostenpflichtig ins Netz stellen würde, die Einnahmen aber direkt an eine wohltätige Organisation abgeführt werden. Leider kam eine etwas harsche Antwortmail von einem der großen Portale zurück und so wurde der Gedanke schnell zerschmettert. Was also tun? Die meisten von euch werden sicherlich kein Problem darin sehen. Für jemanden, der nicht zur mutigsten Gattung gehört, ist so ein Schritt jedoch ziemlich groß. Kostenpflichtig veröffentlichen würde bedeuten, dass jemand Geld gibt und wenn er unzufrieden ist, über mein investiertes Herzblut ggf. äußerst brutal urteilt. Ist dafür jeder gemacht? In meinem Fall, bin ich mir nicht sicher und so bleibt die Anleitung bisher in der Schublade…

Die Liste wird sicherlich im Laufe der Zeit noch um den ein oder anderen Punkt ergänzt werden. Mit nur einer Strickanleitung stehe ich selbst gerade mal am Anfang und lerne mit jedem Projekt dazu. Sobald ich meinen Wissensschatz etwas erweitert habe, werde ich es euch hier wissen lassen :o)

Nachtrag 05.02.2022: Die Anleitung für mein "Owendsonn" habe ich nun doch auf meinen Blog gepackt. Die kostenlose Anleitung findest du HIER.

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