Ach du Strick!

Handarbeit, wenn Stricken persönlich wird. Das Lipödem.

In meinem Blog ging es bisher nie um meine herausragende Stricktechnik, mein unfassbares Geschick im Umgang mit den Nadeln oder welch ein Naturtalent ich bin. In vielen Blogbeiträgen geht es darum, dass ich euch einen Einblick gewähre, wie holprig der Weg eines Anfängers sein kann, der sich anhand von Videos und Zeitschriften die Welt der Handarbeiten erschlossen hat und welche Hürden ich dabei gemeistert habe. Es ist ein sehr persönlicher Blog, wobei ich immer eine gewisse Grenze gewahrt habe, die ich nicht überschreiten wollte. Nach einem enttäuschenden Handarbeitserlebnis möchte ich den tiefen, bitteren Seufzer nutzen und diesen in etwas Positives umwandeln. Schnappt euch Popcorn und legt die Beine hoch. Wahrscheinlich wird dies mein längster Blogbeitrag. Nun aber der Reihe nach…

Auf Grund dessen, dass meine Füße regelmäßig einschlafen, war ich im Januar 2020 bei einem Phlebologe (Venen-Doc), in der Hoffnung von ihm Hilfe zu erhalten. Während er keinen Grund für meine schläfrigen Füße finden konnte, konnte er mir dennoch eine Diagnose mit auf den Weg geben: Ich habe ein Lipödem.

Ein kurzer Exkurs: Hierbei handelt es sich um eine chronische Fettverteilungsstörung, die nahezu nur bei Frauen auftritt. Dem sich vermehrenden Unterhautfettgewebe ist es dabei egal, ob die Frau Sport treibt, sich gesund ernährt, schlank oder dick ist. Es kann jeden Lebensstil und jede treffen. Hauptsächlich sind die Beine betroffen, meistens jedoch auch die Arme. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen 3 Stadien, die sich im Ausmaß der Fettansammlung und der Stärk der Symptome unterscheiden. Hierzu gehört eine druckempfindliche Haut, die Neigung zu blauen Flecken, oft schwere und geschwollene Gliedmaßen und häufig auch Schmerzen. Viele Betroffene verändern über Jahre hinweg ihr Gangbild und haben kaum Aussicht auf Besserung. Zwar gibt es durchaus Möglichkeiten, ein Voranschreiten dieser Krankheit zu mildern (Schwimmen, Kompressionstherapie, gesunde Ernährung, etc.), aber vollständig heilen kann man sie bislang noch nicht. Die drastischste Methode ist die Liposuktion, bei der das krankhafte Fettgewebe, von einem spezialisierten Chirurgen, abgesaugt wird. Diese Operation ist nicht zu verwechseln mit einer klassischen Fettabsaugung, die mehr Schaden als Nutzen anrichten würde und sollte daher unbedingt von einem Spezialisten durchgeführt werden! Zwar ist eine Operation für viele Betroffene der einzige Weg raus aus den Schmerzen, muss jedoch von jedem selbst bezahlt werden. Richtig gehört. Ich spare mir an dieser Stelle das leidige Thema, ob das Entfernen krankhaften Fettgewebes von unverschuldet schmerzenden und anschwellenden Gliedmaßen tatsächlich eine Schönheitsoperation ist, für deren Genesung man sich sogar Urlaub nehmen muss und werfe auch nicht die Frage in den Raum, ob dieser Umstand anders wäre, wären hauptsächlich Männer davon betroffen und komme zum eigentlichen Kern dieses Beitrags.

Seit vielen Jahren plage ich mich mit Armen und Beinen rum, die irgendwie nicht zu meinem Oberkörper passen wollen. Es schien mir immer, als wäre ich ein Spielzeug mit Stecksystem, dem man munter einen Arm entfernen und einen neuen anstecken kann. Um dabei ein möglichst lustiges Bild zu erhalten wurden einfach die falschen Gliedmaßen, die einer deutlich größeren Puppe, verwendet. Was im ersten Moment heiter klingt, ist in der Praxis ein ziemlich unangenehmes Problem. Blusen und Blazer, die einen eher starren und unflexiblen Stoff nutzen, habe ich schon vor Jahren aus meinem Kleiderschrank verbannt und im Sommer trage ich NIE (!) kurzärmlige Shirts oder Tops, egal wie heiß es ist, egal wie sehr mich der Klimawandel plagt. Obwohl ich bereits vor meinem Arztbesucht an diese Möglichkeit gedacht hatte, habe ich es erst nach erhaltener Diagnose für mich akzeptiert. Dankenswerter Weise ist es bei mir nicht so stark ausgeprägt, wie bei anderen Betroffenen. Trotz meiner unproportional großen Armen und kleineren Wehwehchen, bin ich unterm Strich bisher gut bei weg gekommen.

Bereits einige Zeit vor meinem Arztbesucht, erkannte ich die Chance, die mir ein individuell gestricktes Oberteil bieten könnte. Während ich mich im Geschäft zwischen „Sack mit Armfreiheit“ und „körperbetont mit qualvoll absterbenden Armen“ entscheiden muss, könnte ich beim Anfertigen meiner eigenen Oberteile einen enganliegenden Köper stricken und dabei genügend Platz für die Arme lassen. Der Gedanke elektrisierte mich nahezu und ich freute mich schon, irgendwann – in nur 2-3 Jahren – endlich perfekt sitzende Kleidung tragen zu können. Ich durchforstete das Internet und suchte eine ganz einfache Anleitung für einen RVO-gestrickten Pullover. Der erste Versuch ging deutlich daneben und ich musste den Pullover gleich 2 Mal ribbeln (Blogbeitrag, aber ohne Lipödem-Bezug findest du hier). Daraufhin folgten zwei weitere Pullover und erst der dritte Pullover saß einwandfrei!



Selbstversuch „Sorrel-Sweater

Nach dem ich für mich eine Methode gefunden hatte, bei der ein Pullover endlich passt, traute ich mich in diesem Jahr an ein neues Projekt ran, dem Sorrel-Sweater. Dem Grund, für meinen heutigen Blog-Post.

Sorrel Sweater braunes handgefärbtes Garn

Endlich war es so weit. Ich konnte das Körperbündchen abketten, zog ihn an und stellte fest, dass er verdammt HÄSSLICH aussieht. Es brach mir das Herz! Er sollte einen weiteren Meilenstein darstellen, ich gab einiges an Geld für das Garn aus, das Muster lief wie geschmiert. Es machte mir eine unglaubliche Freude, der Yoke ist wunderschön… solange ich mich nicht umdrehe. Am Rücken hat sich ein Buckel gebildet und ich kann nicht zu 100% sagen, wieso er da ist. An der Stelle möchte ich betonen, dass die Anleitung wirklich sehr gut ist! Ich konnte alles nachvollziehen, es gibt viele verschiedene Größen und der Fehler lag eindeutig bei mir. Also, traut euch ran, er gehört (auf Bildern bei anderen) noch immer zu einen meiner Lieblingsstücken.

Zur Analyse: Da ich ein absolut perfektes Ergebnis wollte, habe ich vorbildlich eine Maschenprobe gestrickt und meine Maße genommen. Dabei kam heraus, dass mein Körper zwei Nummern kleiner gestrickt werden muss, als die Arme. Ich strickte also die Maße des Körpers bis zu dem Punkt, an dem ich die Ärmel schließen musste und irgendwo an der Stelle muss es passiert sein. Bei dem Buckel handelt es sich eindeutig um die verkürzten Reihen, die erst nach dem Muster des Yokes gestrickt werden, und ist im Nachgang nicht mehr zu beheben. Ich habe bereits fast alles geribbelt und über vier Stunden dafür gebraucht. Das lag vor allem am doppelt genommenen Faden und den vorgenommenen Farbwechseln. Wann ich erneut die Arme schließe und dabei meine üblichen Experimente wage, weiß ich noch nicht. Es traf mich mehr, als es mich treffen sollte und mein Ego ist ein wenig angekratzt. Wahrscheinlich hat das vergangene Coronajahr mich einfach ein wenig dünnhäutiger werden lassen, sodass ich Rückschläge nicht mehr mit der üblichen Schippe Humor nehme. Aber das wird schon wieder.

Ergänzung 29.06.2022: Der Sorrel wurde erfolgreich beendet und sitzt sehr gut! Mehr erfährst du HIER


Welche Tipps und Tricks gibt es?

Bislang habe ich noch keinen Weg gefunden, der perfekt meine lipödemgequälten Arme umschmeichelt. Nichtsdestotrotz möchte ich meinen aktuellen Wissensstand teilen. Meinen unzähligen Versuchen nach, gibt es 4 Wege, das Ärmelloch ausreichend groß zu stricken, ohne das es kneift oder das Oberteil oversized wird. Die Techniken kann man bei Rundpassen sowie bei Raglanpullovern verwenden und dienen als Denkanstöße, nicht als detaillierte Strickanleitung.

1.) Raglangschräge bzw. Rundpasse verlängern: Die Zunahmen werden einfach ganz stumpf weitergestrickt, bis die Raglankanten locker unter dem Arm schließen bzw. die Rundpasse ein paar cm verlängert wurde. In meinen Augen ist das vielleicht die leichteste Variante, aber auch die unsauberste. Es verformt den oberen Bereich eures Oberteils, die Schulterpartie wird Runde um Runde länger und es ist, je nach Maschenbedarf, die sackigste Methode. Für eine kleinen Größenunterschied sicherlich eine gute Option, aber nach meiner Erfahrung sprechen wir hier maximal von 1-2cm.

2.) Zusätzliche Maschen anschlagen: Diesen Weg habe ich bisher bei meinen Raglanpullovern gewählt. Dabei habe ich die Raglanschräge so lange gestrickt, bis ich an der Schulter einen guten Sitz hatte und die Kanten unter meine Achseln reichten. Um den Ärmel schließen zu können, habe ich in der darauffolgenden Runde bis zu den Ärmelmaschen gestrickt, die Maschen des Ärmels stillgelegt und, bevor ich das Rückenteil mit dem Vorderteil verbunden habe, zusätzlich Maschen auf meine Stricknadel aufgenommen. Dabei habe ich grob ausgemessen, wie viele cm fehlen und wie viele Maschen dies sein müssten (Stefanie, 35 Jahre, Maschenprobenverweigerin) Nachdem ich diesen Vorgang auf der anderen Seite wiederholt hatte, habe ich Runde glatt drübergestrickt und in den darauffolgenden Reihen einige Maschen wieder abgenommen, da ich den Körper enger wollte und die zusätzlichen Maschen natürlich mehr Material erzeugen. Klappt bei einem stinknormalen Pullover wirklich gut, beim Sorrelsweater scheint der Plan jedoch nicht aufgegangen zu sein. Wahrscheinlich wird es dann problematisch, wenn die verkürzten Reihen nicht direkt in der Nackenpartie gestrickt werden, sondern zwischen den Schultern, dort, wo man quasi zeitgleich die zusätzlichen Maschen für den Arm aufnimmt.

3.) Armzunahmen: Raglan und Rundpasse sind im Grunde gleich aufgebaut. Beide bestehen aus einem Vorderteil, einem Rückenteil und 2 Armteilen. Die Zunahmen erfolgen entweder gleichmäßig über die Runde hinweg oder, bei der Raglanvariante, am Rand der jeweiligen Teile. Um explizit an den Armen zu zunehmen, werde ich bei meinem kommenden Versuch der Anleitung folgen (bzw. meine gewünschte Raglanschulterlänge erreichen), im Anschluss eine weitere Runde über alle Maschen hinwegstricken und dabei an den Armteilen jeweils 5-8 (je nach Garn) Maschen gleichmäßig zunehmen. Im Anschluss eine Runde drüberstricken und unter den Armen wie in Punkt 2. beschrieben 2-3 weitere Maschen aufnehmen. Vielleicht wäre es auch möglich, über alle Runden hinweg regelmäßig 1-2 Ärmelmaschen aufzunehmen, allerdings muss man dabei ein sorgsames Management haben und gut aufpassen. Das klingt nicht wirklich nach mir, aber einen Versuch ist auch das wert.

4.) Die Auswahl der „richtigen Anleitung“: Dieser Punkt kommt erst heute, am 29.06.2022 dazu. Wie bei vielen Beiträgen, versuche ich auch diesen um meine Erfahrungen zu erweitern und damit dem ein oder anderen evt. sogar das Leben ein wenig zu erleichtern. Vor kurzem habe ich einen Pullover gestrickt, bei dem die Ärmel ziemlich spät erst abgetrennt werden und somit extrem locker sitzen. Ich konnte somit meine genaue Größe stricken, musste aber keine Angst vor zu engen Armen haben. Die Anleitung war so einfach und die Arme keine Probleme, dass ich bereits eine weitere Menge Pullovergarn bereitliegen habe, um mir einen zweiten zu stricken. Es handelt sich hierbei nicht um bezahlte Werbung, aber ich möchte dennoch erwähnen, dass es sich hierbei um den Raakeljumper handelt. Andere Anleitungen, mit ähnlichem Ärmelkonzept, funktionieren natürlich genauso gut 🙂

Alle Varianten haben ihre Daseinsberechtigung und jeder Stricker und jede Strickerin muss probieren, welche die für den eigenen Körper beste Möglichkeit ist. Obwohl ich mit der zweiten Variante einigermaßen gute Erfahrungen gemacht habe, könnte Nr. 3, auf Grund der wegfallenden Abnahmen unter den Ärmelmaschen, mein Favorit werden, zumindest, wenn man keinen Jumper wie oben beschrieben stricken möchte. Eventuell ist es sogar noch einfacher „körpernah“ zu stricken, wenn man die Einzelteile separat strickt und erst hinter her qualvoll zusammennäht. Dazu kann ich allerdings nichts Sinnvolles beitragen, da ich ein sehr fauler Stricker bin, der bislang das Stricken von Einzelteilen vermieden hat :o) Zugegeben, in der Vergangenheit habe ich das Thema eher durchgestanden, mich irgendwie durchgeboxt und nicht jeden Weg und jedes Ergebnis habe ich mit der nötigen Sorgfalt notiert. Ab jetzt werde ich deutlich achtsamer mit diesem Thema umgehen und vielleicht sogar dem ein oder anderen mit meinen Erfahrungen helfen können. Vorerst werde ich jedoch auf Variante 4 zurückgreifen und nur Pullover stricken, die bereits in der Anleitung weite Ärmel vorsehen. Das erspart mir persönlich sehr viel Frust und schlechte Laune 😉



Schlusswort

Mein persönliches Fazit: Ich fürchte, dass es noch weitere Krankheiten gibt, bei denen man an vielen Stellen in Strick- oder Häkelanleitungen tricksen oder bei der Auswahl des Garns besonders sorgfältig sein muss – Stichwort Allergien, Neurodermitis etc. Während über die fehlende „Diversität“ einiger Strickanleitungen im Bezug auf Konfektionsgrößen diskutiert wird, möchte ich diese – zugegeben – eher kleine Nische von Personen mit „besonderen“ Körperformen klar aufzeigen und Tipps und Tricks sammeln. Natürlich wird diese Liste, die nur von mir geführt wird, niemals auch nur annähernd vollständig sein, aber Schritt für Schritt kommt sicher das ein oder andere hinzu.

Übrigens: Wer mit empfindlichen Beinen oder Füssen kämpft, sollte einen Blick in diesen Blogbeitrag riskieren.

Handgestrickte Socke mit handgefärbter Sockenwolle grau grün

Schlusswort…

Ich kann nicht sagen, dass mir der Druck auf den „Veröffentlichen-Button“ leichtfällt. Nicht zuletzt, da ich nicht im Schutze des anonymen Internets stehe und als Blogbetreiberin mit Klarnamen im Impressum stehe. Aber vielleicht ist genau das der Weg, offiziell zum eigenen Körper zu stehen und anderen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind.

Die meisten Menschen gehen nicht am Leben zugrunde, sondern an einer unglücklichen Liebe – zu sich selbst. – Gerhard Uhlenbruck


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