Dieser Beitrag sollte eigentlich einer meiner ersten sein und nun ist er Nummer 70. Warum? Das kann ich nicht zu 100% beantworten. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus „Wie kann ich die Zeilen sinnvoll füllen?“ und schlichtweg noch immer ein wenig Wehmut und Traurigkeit, vielleicht auch eine gute Portion Schamgefühl. Heute, am 27.04.2022, ihren 96 Geburtstag, ist es jedoch an der Zeit. Ehre, wem Ehre gebührt und ohne sie, würde mein Handarbeitsblog niemals vollständig sein und vielleicht nicht ein mal existieren. Da dieser Beitrag für mich sehr emotional ist und ich gerne „in einem runter schreibe“, sieh es mir bitte nach, wenn ich kurz ins philosophieren komme 🙂

Trigger-Warnung: Tod eines verstorbenen Familienmitgliedes!

Juliana G. war nicht meine leibliche Oma, allerdings waren sie und ihr Mann Fußpflegekunden meines Papas. Die private Beziehung entstand durch ihr köstliches Spritzgebäck und der Bitte meines Papas, mit meiner Mama zu backen und ihr das Rezept zu verraten. Die beiden Frauen trafen sich und es funkte sofort. Aus einem kurzweiligen Backnachmittag wurde eine Freundschaft, die sich über viele Jahre zog, mit gemeinsamen Urlauben, Geburtstagen, Spieleabenden, Weihnachten und vielem mehr. Als ihr Mann starb, wurde sie immer mehr in den Sog meiner Familie eingesogen und gehörte fortan einfach dazu. Frei nach dem Motto: Um eine wirkliche Familie zu sein, muss nicht das gleiche Blut durch die Adern rauschen.

Aber warum schreibe ich HIER über sie? Ganz einfach – Juliana war eine Meistern der Handarbeitskunst. 1926 geboren, konnte sie grundsätzlich alles. In dieser Generation musste man im Haushalt alle Tricks aus dem FF beherrschen, die Fruchtfolge im eigenen Garten kennen und man wurde gedrillt, ein Strick-Häkel-Nähroboter zu sein. Sie konnte Taschentücher besticken, Socken stopfen, Kleidung stricken, nähen und – ihre Leidenschaft – einfach alles häkeln. Sie liebte das Häkeln und hatte eine Ausdauer, die ich niemals aufbringen werde. Niemals. Sie häkelte 4 Meter breite und 2 Meter lange Gardienen aus Filetgarn und wenn ihr vor 1,5 Metern ein Fehler passiert ist, wurde halt alles aufgeribbelt. Nur allzu gern erinnere ich mich daran zurück , wie ich in den Ferien einen Aufpasser brauchte und morgens quer über die Straße zu ihr huschte. Sie brachte meiner Familie den Genus guten Käses bei und ich bekam allmorgendlich ein frisch aufgebackenes Brötchen mit einer 1cm dicken, extra für mich abgeschnittenen Scheibe alten Goudas. Noch heute liebe ich stark gereiften Käse und bei jeder sorgsam dekorierten Platte huscht ein Gedanke an unser Julchen durch meinen Kopf. Im Anschluss goss sie sich eine Kanne Schwarztee auf, ich bekam noch eine Vitamintablette in ein großes Glas Sprudelwasser und so taperten wir zusammen in ihr Wohnzimmer. Wir nahmen Platz in einem wirklich gemütlichen Raum, vollgestellt mit antiken Möbeln, ausgefallenen Lampen (s. Bild, ich habe zwei verschiedene Prachtexemplare von ihr 🥰) und zwei urigen, exorbitant alten Sesseln. Zuerst frühstückten wir und im Anschluss malte, spielte oder las ich und sie packte ihr Filetgarn aus. Wie sehr wünschte ich mir einen solchen Morgen zurück.

Genau wie meine Oma, sah ich Juliana nicht ohne eine Häkelnadel in der Hand. Manchmal zeigte sie einem voller Stolz ihr Werk, das um ganze 2 cm gewachsen war und ich lobte zwar, war jedoch wenig beeindruckt von diese Leistung. Was sind schon 2 cm? Aus heutiger Sicht und mit meinem Wissensstand, sähe es ganz anders aus! 2 cm mit Filetgarn mit einer Breite von xy cm wäre eine Weltreise für mich. Während andere Handarbeiter:innen Anleitungen brauchen oder zumindest mal reinschauen müssen, war sie ein Häkelmuster- und Strickbuch auf zwei Beinen. Sie wusste einfach, welches Stäbchen in welches Loch gehört und probierte gerne neue, verrückte Muster aus. Leider habe ich keine Bilder ihre Werke, aber nach ihrem Tod habe ich mir ein kleines Deckchen gesichert. Gestärkt wurde es mit Zuckerwasser und während es bei ihr adrett auf den Schränken lag, ist es in meinen Händen leider mittlerweile zerknittert. Gehäkelt wurde hier mit einer Nadelstärke 0,5 oder 0,75. Einfach irre!

Juliana war und ist das beste Beispiel dafür, dass das Alter keine Rolle spielt. Freundschaften können auch Generationsübergreifend geschlossen werden und sich tief in die Herzen aller Beteiligten bohren. Gerne würde ich ihr heute, als erwachsene Frau, gegenübersitzen und mit ihr sprechen. Ich würde ihr für ihre Art danken, wie sie mich mit ihrem liebevollen Wesen behütete, formte und nie den „Erwachsenen“ raushängen lies, sondern meinen Bedürfnisse respektierte. Nicht viele Kinder können davon sprechen, wirklich Respekt erfahren zu haben – dank ihr kenne ich diesen feinen Unterschied zum üblichen Umgang mit Kindern.

Sie liebte Geologie, Afrika, unternahm unzählige Reisen und finanzierte ihr Leben selber. Sie wollte niemals von einem Mann abhängig sein und sich schon gar nichts sagen lassen. Eine Eigenschaft, die für ihre Generation nicht unbedingt die gängigste war und sie thematisierte mir gegenüber sogar das Thema „sexuelle Übergriffe durch Männer“ und wie sie den „Popograbschern“ reihenweise schallende Ohrfeigen bescherte. ICH würde mich das niemals trauen und bewundere es heute, während ich es als kleines Mädchen einfach nur äußerst unterhaltsam fand. Im Nachgang glaube ich, sie wollte sie mich durch solche Geschichten auf Dinge vorbereiten, die in der Schule, im Elternhaus oder bei der Sendung mit der Maus kaum bis gar nicht zur Sprache kommen. Sie wusste genau, wo sie politisch stand, welchen Wert ein Menschenleben hat, was Herzlich- und auch Großzügigkeit bedeutet. Sie war einer der Menschen, deren Tod ein wahrer Verlust für die Welt ist und deren Echo noch lange nachhallt. Wir reden noch oft im kleinen Kreis über sie, haben lustige Geschichten und schöne Erinnerungen, sie bleibt unvergessen.

Ich vermisse sie auch nach mehreren Jahren sehr, aber bin gleichzeitig froh, ihr im hohen Alter weder die blaue Partei, noch den aktuellen Krieg erklären zu müssen. Ihr Vater konnte 7 Sprachen sprechen, wurde als Dolmetscher nach Sibirern verschleppt und kehrte niemals zurück. Selbst in den letzten Jahren, in denen sie intensiv von meiner Familie und einer 24-Stunden-Kraft gepflegt wurde, in denen ihr die Demenz einfach alles nahm, erinnerte sie sich bis zu ihrem letzten Tag an ihren Vater, den sie über alles liebte. Wie hätte ich ihr die Entwicklungen in Europa und der Welt erklären sollen? Die gleichen Entwicklungen, die schlussendlich ihren geliebten Vater nahmen, der es ihrer Mutter und allen Erwachsenen verbot, jemals die Hand gegen seine Juliana zu erheben?

Würde ich ihr heute gegenüber sitzen, würde ich ihr nicht nur dafür danken, was für ein toller Mensch sie war, ich würde mich auch entschuldigen – womit wir bei dem wahrscheinlichen Hauptgrund meiner Verschieberei dieses Beitrags angekommen sind. Ich schäme mich und schreibe, mit einem dicken, schweren Kloß im Hals. Juliana war ein großer Teil meines Lebens, als ich ein Kind war und blieb es, bis zum ca. 14. Lebensjahr. Obwohl sie danach natürlich weiterhin auf jeder Feier kam, meine Eltern regelmäßig dort waren, machte ich mich rar. Ich war in dem Alter, wo man einfach kein Interesse an Handarbeiten und der Vitaminbrausetablette hatte. Meine Mama sagte mir oft, dass Julchen nach mir gefragt hätte und ob ich nicht hin möchte, sie würde mich vermissen, während ich dankend ablehnte. Ich weiß, dass dieses Verhalten nicht schön, aber nicht ungewöhnlich ist… jedoch macht es das nicht besser. Aus heutiger Sicht würde ich auch alles daran setzen, den Verbleib ihres Vaters zu klären. Im Internet gibt es entsprechende Stellen beim Roten Kreuz, die einem bei der Suche nach Opfern aus dem zweiten Weltkrieg helfen. Sie bat mich damals darum, aber ich habe es nie so 100%ig Ernst genommen und mich wirklich reingehangen. Als ich älter wurde, zu den ursprünglichen Werten zurückfand und gerne mehr Zeit mit ihr verbringen wollte, war es zu spät. Durch eine Operation am Darm und der damit einhergehenden Narkose, erlitt sie einen schweren Demenzschub und während man im ersten Jahr noch relativ „normal“, wenn auch mit ständigen Wiederholungen, mit ihr sprechen konnte, hielten ihre Finger nie wieder eine Häkelnadel in der Hand und ich musste immer deutlicher erkennen, dass es für meine Erkenntnis zu spät war. Auch die für die Suche notwendigen Angaben über ihren Vater, konnte sie nicht mehr nennen – was einem nur das Herz brechen kann.

Meinen Frieden habe ich mit dem Thema noch nicht gefunden und die Last liegt schwer auf meinen Schultern. Ich weiß jedoch, dass ich mich in den letzten Jahren, als sie mich schon nicht mehr erkannte, um sie kümmerte und für sie da war. Wir ermöglichten es ihr, zuhause zu sterben und ich bin mir sicher, sie hat es gespürt… wenn auch anders. Vielleicht werde ich irgendwann die Scham ablegen, vielleicht aber auch nicht.

Würde sie noch leben und nicht dement sein, würde ich gerne mit ihr zusammen diesen Blog betreiben. Dieser Gedanke beschäftigt mich nahezu immer, wenn ich mich hier aufhalte oder mich durch das Austüfteln einer Anleitung quälte. Oft denke ich daran, wie sie sich selbst mit Millimeterpapier Muster entworfen hat und wie schwer es mir dagegen fällt. Ihre Geduld war nahezu unerschöpflich und sie hätte mir auch zum 20x erklärt, wie ich etwas machen muss. Ich hätte unzählige Ideen, die wir zusammen realisieren würden und wir würden jedes Garnfest in NRW unsicher machen – was würde sie über die Existenz solcher Veranstaltungen staunen! Wir würden uns Julchen-Steffi-Zeiten einrichten und gemeinsam am schönsten Hobbie der Welt arbeiten… und ich hätte wen, der meine elenden Fäden vernäht! 😉

Schlusswort

Schwer bleibt am Ende dieser Zeilen das Herz in meiner Brust zurück und es bleibt vieles ungesagt. Allerdings kullerte gerade so manch ein Tränchen und es muss vorerst genügen. Hätte, Wäre und Würde sind wohl die typischen Wörter, die nach dem Abschied am meisten schmerzen und bitter den Hals zuschnüren. Aber ich bin froh, den Beitrag endlich geschafft zu haben, auch, wenn ich dir gerne noch mehr über sie erzählt hätte. Ich weiß, dass ich mir mehr Vorwürfe mache, als sie es jemals auch nur im Ansatz tun würde. So war sie nicht. Sie war menschlich und einfach das Beste, das einem passieren kann. Sie glaubte immer an die, die sie liebte und gab es ungefiltert zum Ausdruck. Es war ihr wichtig, dass man sich ihrer vollsten und uneingeschränkten Unterstützung bewusst war. Als ich ein Kind war, wollten mir gehäkelte Topflappen einfach nicht gelingen. Ich vergaß in wirklich jeder Reihe die Steigeluftmaschen, das Stück wurde schief und sie beteuerte immer und immer wieder, ich würde es irgendwann können. Ich gab es auf und legte für 20 Jahre die Häkelnadeln in die Schublade. Aber was soll ich sagen? Juliana…, du hattest Recht! Ich kann mittlerweile mehr, als ich damals für möglich gehalten habe – du dagegen hast es immer gesehen. Mit jeder Kleinigkeit, die ich hier veröffentliche, fühle ich mich ihr ein wenig nah und weiß, dass sie genauso stolz auf mich wäre, wie sie es vor 30 Jahren schon war. Dafür bin ich ihr noch heute dankbar.


Ruhe in Frieden, Juliana/Julchen. Pass auf Dasty, Comet und Elise auf. Ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass du deinen geliebten Vater endlich wieder in deine Arme schließen konntest. Wenn einer treu geliebt hat, dann du und niemand hätte es mehr verdient.

In aufrichtiger Liebe, deine -häkelnde und strickende- Steffi