„Jedem Anfang liegt ein Zauber inne“

Hermann Hesse

Jeder von uns kennt diese ganz spezielle Magie, die uns den Anfang neuer Projekte so unglaublich versüßt. Es beginnt mit der Auswahl einer Anleitung, des passenden Garns, eventuell sogar einer gesamten Farbkombination und die ersten Reihen bzw. Runden sind voller Freude, Leidenschaft und glänzender Augen. Die Maschen fliegen in Windeseile über die Nadeln, denn DIESES Projekt scheint unser Herzensprojekt zu werden.

Tja. Wäre da nicht die einfache, aber grausame Tatsache, dass Magie unglaublich zerbrechlich und zart ist. Es gibt viele Gründe, die diese wundervolle, in allen Regenbogenfarben glitzernde Seifenblase zum platzen bringen können. Wer meinen Blog regelmäßig verfolgt weiß, dass ich nicht nur über die Feenstaubseiten der Handarbeit schreibe und als mir vor Kurzem eines meiner Liegrümchen in die Hände fiel war die Idee für diesen Blogbeitrag geboren. Rausgezerrt aus ihren Schattendasein, sollen meine persönlichen Horrorprojekte den Platz erhalten, der ihnen gebührt. Ein letztes Mal sollen sie das Licht sehen, bevor sie auf ewig in der Mottenkiste verschwinden.

Aber zuerst…

Warum gibt es „tote“ Projekte?

An dieser Stelle möchte ich einen kurzen Exkurs zur Erstellung meiner Blogbeiträge geben. Grundsätzlich schreibe ich die meisten Beiträge in einem runter und mache mir vorher kaum Gedanken dazu. Meist steht lediglich die Überschrift schon einige Wochen/Monate im Voraus und meine auf „Entwurf“ gestellten Beiträge beinhalten nur einen kurzen Gedanken. Das hat den Hintergrund das ich dadurch kein „spontan eingefallenes“ Thema vergesse und immer einen kleinen Vorrat an Ideen auf Lager habe. Leider ist meine Blog-Zeit relativ begrenzt, wodurch so manch ein Artikel ziemlich lange auf seine Veröffentlichung warten muss. Ein deutlich kleinerer Teil meiner Beiträge „entsteht“ über einen längeren Zeitraum. Darunter fallen vor allem die, für die ich meine Erfahrungen oder Gedanken sammeln muss, um entweder nichts zu vergessen oder weil mir „immer mal wieder“ ein weiterer Punkt einfällt.

Ursprünglich dachte ich, ich müsste auch bei den Gründen für das Wegsterben bestimmter Projekte länger nachdenken und wollte nur meine ersten Gedanken dazu festhalten. Falsch gedacht. Kaum stand die Überschrift, fielen mir erstaunlich viele Gründe ein, die die Liebe zu einem Projekt erkalten lassen und es in die hinterste Ecke der Schublade verbannen.

  • Garn gefällt, aber im Projekt nicht
    In meinem Blogbeitrag „Das Schweigen der Garne“ habe ich bereits darüber geschrieben, dass nicht jedes Garn zu jedem Projekt passt. Entweder „frisst“ das eher knallige/auffällige Garn das zarte Muster und lenkt zu sehr davon ab oder als kleine Maschenprobe gefiel uns ein bestimmter Farbverlauf, im großen Pullover allerdings nicht. Eine Rettung dieser Projektkombination ist meistens nicht möglich, da ich im Regelfall nichts beende, was mir selber absolut nicht gefällt.
  • Das Ereignis ist hinfällig
    Manchmal erübrigen sich Projekte, während man sie anfertigt. In meinem Fall liegen seit gut 3 Jahren zwei gehäkelte Puppenköpfe in meinem Schrank, die eigentlich als kleine Schnuffeltücher verschenkt werden sollten. Allerdings wurde das damalige Treffen mit meinen frischgebackenen Mutti-Kolleginnen abgesagt und ich brauchte die Schnuffeltücher nicht mehr.

    Einem Häkeltuch erlag vor gut 2 Jahren ebenfalls den Hinfälligkeitstod. Ich hatte ein bestimmtes Garn, in Kombination mit einer Anleitung rausgesucht und angefangen, ein Geschenk für eine Freundin zu häkeln. In einem Gespräch hörte ich eher beiläufig raus, dass ihr sowas absolut nicht gefällt und selbstverständlich arbeitete ich nicht an diesem Projekt weiter. Kurz erwähnt: Nein, da darf man niemanden „böse“ für sein 😉
  • Aufwand ist einem nicht wert
    Es gibt Projekte, die einem im Ergebnis gefallen, bei denen man aber nicht mit einem SOLCH hohen Arbeitsaufwand gerechnet hätte. Dies können entweder aufwendige Muster sein, die lediglich ein „Nice to have“ wären oder eben eine spezielle Technik bzw. Größe des Projektes.

    In meinem Fall handelt es sich dabei meistens um Sockenprojekte, deren aufwendiges Muster ich unterschätzt habe. Zwar finde ich solche Projekte irre schön, aber für Ergebnisse, die im dunklen Schuh verschwinden, ist es mir den Aufwand nicht wert. Ein weiterer (typischer) Klassiker ist eine Temperaturdecke (s. Blogbeitrag). Diese Art der Projekte ziehen unglaublich viele Handarbeiter:innen in ihren Bann und finden meist kein glückliches Ende. Ein Jahr ist lang, das Leben kommt allzu oft dazwischen und die unzähligen zu vernähenden Fäden und die dauerhafte, oft tägliche Arbeit sind einem schnell zu viel.
  • „Raus gewachsen“
    Traurig aber wahr, eines meiner toten Projekte hat so sein Ende gefunden:
    Mein rotes Häkel-Top.

    Irgendwann bemerkte ich, dass ich die Anleitung falsch gelesen hatte und – immerhin konsequent – meinen Zopf verkehrtherum gezopft hatte. Da das Ergebnis dennoch ansehnlich war, verbuchte ich diesen Fehler als „kreative Freiheit“, zumal ich bereits relativ weit voran gekommen war. Dennoch verlor ich ein wenig das Interesse an meiner Arbeit und legte das Top vorerst bei Seite. Als es mich erneut in den Fingern juckte und ich das Projekt beenden wollte, probierte ich es an, um die noch zu häkelnde Länge zu ermitteln. Während ich zuerst dachte, der Zopf wäre mein größtes Problem, rechnete ich nicht von einer fiesen Blutgrätsche von der Seite. Zwischenzeitlich hatte ich ordentlich zugenommen und es sah absolut dämlich aus, wie sich der falsche gezopfte Zopf wie eine Efeuranke um meinen Wanzt rankte. Ich denke, ich muss nicht erwähnen, dass dieses Projekt mausetot ist. SOWAS von tot, ich ribbel es nicht mal! Bah!

    Natürlich kann „raus wachsen“ auch erfreulichere Gründe haben. Prädestiniert sind vor allem Anziehsachen für Kinder, die oft schneller wachsen, als man für möglich hält. In den Fällen macht es keinen Sinn, sie in zu kleine Kleidung zu quetschen, nur weil es unangezogen hübsch aussieht.
  • Den Faden verloren – das überschätzte Gedächtnis
    Die Haupttodesursache für viele meiner verstorbenen Projekte!
    Oft arbeite ich gerne und mit großem Vorsprung an einer Sache und habe das Gefühl, dass ich absolut im Bilde bin und nichts schief gehen kann. Ab und zu grätscht das Leben dazwischen und ich muss die Arbeit beiseite legen. In diesen Fällen vertraue ich dann absolut auf mein Gedächtnis und darauf, dass ich die Nadelstärke, das verwendete Garn oder Parameter innerhalb der Anleitung nicht vergesse. Es kommt, wie es eigentlich immer kommt, ich vergesse die elementarsten Dinge und schaffe nicht mehr den Sprung zurück in mein Projekt.
  • Die Anleitung ist unverständlich
    Es gibt Anleitungen, die wollen mir einfach nicht gelingen. Ich lese sie und habe so viele Fragezeichen über meiner Rübe, dass sich nicht mal nachfragen lohnt. Allzu oft beginne ich dann dennoch und muss nach einigen Stunden rumquälens die weiße Fahne schwingen und die Arbeit unvollendet beenden.

    Das ist nicht schön, aber ok. Unterm Strich ist es eben doch ein Hobbie und wenn es mehr Leid als Freud verursacht, gestatte ich mir zukünftig getrennte Wege zu gehen 🙂


Meine niemals vollendeten Projekte

1.) Das rote Häkeltop

Hier das oben beschriebene Top. Der Farbverlauf ist eigentlich mega schön und gefällt mir auch nach mehreren Jahren richtig gut. Ich habe allerdings weder Lust den Bobbel zu ribbeln, noch mir diese Schande einzugestehen und lasse es weiter in meiner Garnkiste schmoren, bis mich irgendwann ein Projekt anlacht, bei dem ich UNBEDINGT dieses rote Garn brauche.

2.) Mein Merino-Bobbel Dreieckstuch

Mein Merino-Bobbelchen war für mich etwas ganz besonderes. Es war mein erster Kontakt zu „sehr weichem“ Garn und nach langem Hin und Her sollte es ein einfaches, krausrechts gestricktes Dreieckstuch werden. Als ich ein paar Sprünge vorwärts machte und endlich mehr als nur krausrechts Stricken konnte, legte ich die Arbeit beiseite und rührte sie sehr sehr lange nicht mehr an. Ich entfernte die Nadel, da ich sie für ein anderes Projekt benötigte und vergaß am Ende, welche Nadel die richtige war, nach welcher Methode ich die Zunahmen arbeitete und wo genau sie hinkamen.

3.) Meine Creepy Puppenköpfe

OK, ein wenig unheimlich sind sie schon, aber wofür soll man sie brauchen? Vielleicht komme ich irgendwann in den Genuss, für irgendwelche Kinder irgendwas anzufertigen. Bis dahin bleiben sie allerdings einfach in meiner Schublade.

4.) Das Sherlock-Püppchen

Das Püppchen ist wirklich ururalt und ich habe absolut alles daran vergessen. Ursprünglich sollte es ein Geschenk für eine Freundin zum 30. Geburtstag werden. Erst hatte ich zu früh mit der Arbeit begonnen, wurde dadurch zu selbstsicher, legte es dann gut zur Seite und als der Geburtstag nahte, hatte ich alles Notwendige bzgl. des Projektes vergessen, schob die Arbeit vor mich her und schwupps, war der Geburtstag auch schon rum.

5.) Der Tahiti-KAL 2020

Nachdem der Tahiti-KAL 2019 für mich ein absoluter Augenöffner war, wollte ich unbedingt 2020 wieder mitstricken. Ich freute mich auf das Garn und die neuen Herausforderungen. Während ich im Jahr zuvor meinen eigenen Stash nutzte, kaufte ich für den neuen KAL das dafür vorgesehene Garn, strickte los und … naja, ich hasste es. Das Tahiti-Garn verdreht sich (bei mir) permanent und jeder meiner Versuche dies zu unterbinden scheitert. Wir kamen und kommen einfach nicht auf einen gemeinsamen Nenner und nach einigen Reihen, beendete ich das Projekt und verlor zeitgleich das Interesse an der Anleitung.

Der feine Unterschied: Ewiges UFO

An dieser Stelle möchte ich allerdings allen fiesen Lästerern (DU weißt, WEN ich meine :P) den Wind aus den Segeln nehmen: NEIN, nicht alle Liegrümchen sind tote Projekte! Es gibt auch eine Bandbreite an verschiedensten UFOs, die nur auf ihre Vollendung warten.

Beispielsweise habe ich einen Häkel-Seelenwärmer auf der Nadel, der seit bestimmt 3 Jahren in meiner Garnkiste liegt. Ich liebe die Farbe, ich liebe die Anleitung, aber die Arbeit daran ist einfach sterbenslangweilig und auch wenn ich daran aktiv nicht arbeite, weigere ich mich, das Projekt vollends aufzugeben.

UFOs sind eben genau die Projekte, die grundsätzlich irgendwann ein Ende finden sollen, aber an denen aus diversen Gründen nicht weitergearbeitet wird. Sicherlich muss man sich irgendwann eingestehen, dass ein Projekt von der einen in die andere Kategorie gewandert ist, aber da bin ich und mein Seelenwärmer noch lange nicht.

Wie man UFOs beenden oder sogar verhindern kann, habe ich HIER beschrieben – auch, wenn ich mich selber nur bedingt daran halte 😀



Tauschbörse? Ribbeln?

Welche Möglichkeiten gibt es? MUSS jedes Projekt unter der Erde bleiben oder kann man ihm neues Leben einhauchen?

Hätte ich mehr Menschen in meinem Umfeld, die dem Hobbie „Handarbeiten“ nachgehen und es intensiv betreiben würden, würde ich sicherlich das ein oder andere Projekt verschenken und jemand anderes dürfte es vollenden. Eine Art von Tauschbörse könnte sicherlich eine gute Lösung sein, wenn der Ribbel-Schmerz einfach zu groß ist und einem anderen die begonnene Arbeit gefällt.

Unterm Strich bleibt allerdings meist nur diese eine, gemeine Option: Gnadenloses Ribbeln. Es ist einfach zu schade, wenn das schöne Material (vor allem die damit verbrauchten Ressourcen) und natürlich auch das ausgegebene Geld nicht gewürdigt werden. Ich neige auch eher dazu, neues Garn zu kaufen, bevor ich ein altes Projekt ribbel, allerdings versuche ich wirklich daran etwas zu ändern und wahrscheinlich sollten wir alle mal etwas tiefer in unsere Kisten wühlen. Frisch gewickeltes Garn sieht doch schließlich auch aus wie neu 🙂


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